Donnerstag, 20. Februar 2003

Wilhelm Eins, Zwo, Drei

Gegenwart ist gelebte Vergangenheit. Zu dieser Feststellung könnte sich ein Laienhistoriker hinreißen lassen, wenn er in die Tiefen der Gemütslage der Deutschen hinabtaucht. Auf dem ozeanischen Grund vergangener Tagesaktualität wird er auf den Trümmerhaufen unserer politischen Kultur treffen, den der Generalsekretärs der CSU hinterließ, als er im November 2002 SPD- mit Naziwählern verglich. Links daneben dürften die fragmentarisch erhaltenen Zeilen des Lafontaine liegen, der Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem Negativ des Reichskanzlers Brüning ins rechte Bild der gleichnamigen Zeitung gerückt hatte.

Wer diese Tauchfahrt im Gruselkabinett der Metaphernkriege fortsetzt, wird im Archiv des Hessischen Landtages Protokolle finden, die dokumentieren, dass ein Ministerpräsident im Deutschland des 21. Jahrhunderts den Umgang mit reichen Menschen mit der Judenverfolgung im Dritten Reich gleichsetzte. In alten Zeitungsmagazinen wird er Artikel über eine ehemalige Justizministerin lesen können, die einst Adolf Hitler im Bush sah. Der Staub ermüdender Historiker-Debatten wird sich schließlich auf die Parallelen legen, die der Hobby-Geschichtsschreiber Edmund Stoiber zwischen Schröder und Wilhelm II. entdeckte.

Wen kümmert es, ob Gerhard der Isolierte mit „Kein Krieg" als Wilhelm der III. in die Geschichte eingeht, wärend sein Vorgänger, also der II., sich vom I. darin unterschied, dass er den Krieg lieber jetzt als später führen wollte? Eines Tages werden Archäologen Festplatten ausgraben und nicht nur auf die geballte geschichtliche Kompetenz unserer Politiker stoßen, sondern auch auf unsere.

Da werden E-Mails auftauchen, in denen sich eine Bürodame über „ihren Stalin im Vorstand" beschwert oder ein Schüler über den "Fascho-Lehrer"in Mathematik. Wahrscheinlich wäre auch der Fund des SMS-Textes, demzufolge sich ein Mädchen von ihrem Freund trennt, weil sie sich in der Beziehung „wie in einem Gulag eingesperrt" fühlt.

Das In-Beziehung-setzen von unvereinbaren Gestalten bleibt zeitgemä. Die Geschichte wird jedoch eines über uns als nationale Metapherngemeinschaft nicht sagen können: Wir hätten ein gestörtes Verhältnis zur Geschichte. Nö, unsere Freundschaftsbande zur Historie sind ganz und gar ahistorisch.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Erschienen im Darmstädter Echo vom 19. Februar 2003

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