Freitag, 2. Juni 2006

Geist ist Geil - Nessi Tausendschön in Essen

Sie kann es noch, die Nessi, die Tausendschön. Das Energiebündel räkelt sich im feinen Abendkleid erst lasziv, dann mit waghalsig komischen Verrenkungen auf dem Klavier - sie nennt es die "Rittberger Gesäßklammer" - grunzt, röchelt, gluckst französisches Gesäusel, stöhnt, stöhnt lauter, dann noch lauter, verrenkt sich immer spektakulärer, bis sie erschöpft zu Boden sinkt und ihr wallendes Lockenhaar das Mikrofon unter sich begräbt. Das Publikum tobt, klatscht, ist völlig begeistert. Nessi Tausendschön hat diese Nummer unzählige Male, in unzähligen Variationen und Städten gespielt. Bei ihrem Auftritt in den Katakomben war es wieder einmal ein Höhepunkt. Der Rest des Abends firmierte unter dem Titel "Frustschutz".

Vorstellung bei Kerzenlicht

Den hatten Frau Tausendschön und das Publikum zu Beginn auch nötig - stand Erstere doch völlig im Dunkeln, die Zuschauer hingegen saßen im Licht. Die Beleuchtung wollte nicht so recht und Nessi überlegte, ob sie mit der ihr gereichten Taschenlampe weitermachen sollte. Sie tat es. Erst mit der Handlampe, dann unterstützt von Kerzenlichtern und schließlich unter spärlichem Spot(t)licht. Heike Beckmann, die Dame am Klavier, die Nessi an diesem Abend gesanglich und musikalisch begleitete, traf den richtigen Ton auch so.

Nessi Tausendschön hingegen traf ihn nicht - und das war auch gut so. Die Oktavenleiter rauf und runter purzelnd, schmetterte sie gekonnt witzige, unterhaltsame Lieder und Pointen in die Nacht. Zur aktuellen Lage im Politikbetrieb fällt ihr nichts Neues ein. Ihr Witz blieb hier in der Röhre stecken. Dafür zündete es beim Publikum umso mehr, als Tausendschön gekonnt die Radiomoderatorin Sabine Töpperwien imitierte und fast schon ekstatisch aus Poppenbüttel vom "Kunstvögeln" berichtete.

Nach der Pause war alles wieder gut. Die Techniker hatten den Stecker für die Beleuchtung gefunden, Nessi erschien grell erleuchtet als gefallener Schutzengel. Herrlich, wie sie sich hier, Schluck um Schluck in eine schreiend komisch gespielte Trunkenheit steigerte, in der sie all ihren Groll über die böse, verlogene, schlechte Welt hinausschreien konnte. Diese Nummer entlarvte den Humor von Nessi Tausendschön als grenzenlose Wut über die herrschenden Verhältnisse. Nicht Geiz, tröpfelt Nessi mit giftspitzer Zunge dem Publikum ins Gewissen, nein, Geist ist Geil.

Und selbst als Nessi Tausendschön ihr Lächeln wieder erlangt, um in schlangenhaften Tanzbewegungen alte Seemanns- und eingängige Liebeslieder zu singen, spürt der Zuschauer: Diese Frau braucht keinen Frustschutz.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) vom 29.05.2006

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