Montag, 17. März 2008

Die Farbe der Demokratie

NRZ-SERIE. Pantelis Tatsios kam 1962 nach Essen: "Zu dieser Zeit war es sehr schwer, nach Deutschland zu kommen, aber leicht, Arbeit zu finden. Inzwischen ist es umgekehrt."

Auch wenn Pantelis Tatsios nie ein politisches Amt bekleidet hat, so ist der 71-Jährige doch ein politischer Kopf. Fragt man den Vorsitzenden der Griechischen Gemeinde etwa, welche Farbe er mit Essen assoziiert, also der Stadt, in die er 1962 als Gastarbeiter kam und in der er bis heute geblieben ist, fragt er unumwunden zurück: "Meinen Sie das politisch?" Eigentlich nicht, aber Tatsios antwortet: "Es ist eine demokratische Stadt. Man hat uns hier immer gut behandelt." Aber welche Farbe hat Demokratie?

Geflohen vor dem weißen Terror in der Heimat

Mag sein, dass in den heutigen Zeiten pragmatisch regierter Industrienationen Politik von den Menschen mehrheitlich als eine farblose Veranstaltung empfunden wird. Für den jungen Pantelis Tatsios war eine funktionierende Demokratie die Farbe der Hoffnung. In seiner griechischen Heimat der 1960er Jahre herrschten Weimarer Verhältnisse. Der so genannte "weiße Terror" aus der Nachkriegszeit wirkte nach. Der Begriff steht für Repressalien der Verwaltung und der Sicherheitsorgane gegen Sozialisten.

Der "weiße Terror" trifft auch Tatsios. Nach seinem Abitur und dem Militärdienst bekommt der engagierte Jung-Kommunist kein polizeiliches Führungszeugnis ausgestellt. Dieses ist aber damals für die Aufnahme an einer griechischen Universität zwingende Voraussetzung. Seine Noten stimmen, die Gesinnung nicht. "So war das, wenn du zu den Roten gehörtest", sagt er heute schulterzuckend und blickt in seinen Tee, in dem ein paar rote Safranblüten kreisen. Tatsios resigniert nicht, er emigriert.

Am 23. März 1962 kommt er als 24-Jähriger am Essener Bahnhof an. Deutsche hatte er aber schon im Zweiten Weltkrieg kennen gelernt. "Neben unserem Haus war eine Kommandantur der Wehrmacht", erinnert er sich. Und an die Soldaten, die ihn, den kleinen Buben, immer ärgerten. Und den Militär-Pfarrer hat er vor Augen, der damals couragiert die Hinrichtung der gesamten Dorfbevölkerung verhinderte.

Deutsch gelernt mit einem kleinen Lexikon

Zwei Jahrzehnte später, in Essen, lebt er zunächst bei seinem Onkel. Anfangs arbeitet er auf Baustellen, später bei Döllken in der Kunststoffverarbeitung. In diesem Betrieb wird er auch in Rente gehen. Sein erster Arbeitstag ist der 13. September 1962. Das Datum fällt ihm so schnell ein, als hätte er dort gestern erst seinen Job angetreten. 1967, fünf Jahre später, putscht in Athen das Militär jede Hoffung auf politische Selbstbestimmung hinweg. Tatsios beginnt sich in Deutschland einzurichten.

"Die Menschen waren nett zu uns", erzählt er. Schließlich hätte er auch nie Probleme gemacht und sich selbst mit einem kleinen Lexikon die Sprache beigebracht. Mit den deutschen Wörtern kamen die deutschen Freunde. Nur geheiratet hat er nie. "Erst trödelt man rum, dann ist es zu spät", bilanziert er in Sachen Ehe.

Auf die Frage, was das Wort Heimat für ihn bedeute, antwortet er mit dem Namen seines griechischen Geburtsorts: Kilkis. Dann kommt er auf "sein Essen" zu sprechen. Soviel Selbstbewusstsein darf es schon sein: "Das ist die eine Heimat, die andere ist Essen." Er hat geholfen, diese Stadt aufzubauen, hier hat er den Großteil seines Lebens verbracht.

Die Straßen Essens sind für ihn voller Erinnerungen. Eine führt an die Logenstraße: "Den Gebäudekomplex, in dem heute die Post und die Backstube von Overbeck ist, den haben wir gebaut."

Wir, das waren Gastarbeiter aus Jugoslawien, Italien, Griechenland. "Keiner von uns wollte hier länger als zehn, vielleicht fünfzehn Jahre bleiben", sagt Tatsios rückblickend. Bei ihm sind es jetzt schon 46 Jahre geworden. Nach Griechenland gehen wäre für ihn inzwischen eine Art Re-Emigration, keine Rückkehr. "Man gewöhnt sich und irgendwann ist einem diese Gewohnheit lieb geworden", sinniert Tatsios, der stets darauf achtet, was der Fragende in seinen Block notiert. Stutzt man, sagt er: "Schreiben Sie das ruhig auf."

Wir sitzen in seinem Stamm-Cafe? am Kopstadtplatz, dem Mondo. Ständig wird unser Gespräch unterbrochen, weil Menschen hereinkommen, die ihn grüßen, ihn sprechen wollen. Man kennt, man hilft sich. Hier muss ein Behördenbrief übersetzt werden, da weiß ein anderer nicht, an wen er sich wegen eines Antrags wenden muss. Pantelis Tatsios ist noch heute ein wichtiger Ansprechpartner für die Mitglieder der griechischen Gemeinde. Auch wenn deren Infrastruktur zerfällt.

"Die Stadt erkennt die Integrationsleistung der Gemeinden nicht mehr an", klagt Pantelis Tatsios, der von 1984 bis 2004 im Ausländerbeirat saß. Die Weigerung der städtischen Behörden aber, der griechischen Gemeinde Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen und Sprachunterricht zur Verfügung zu stellen, kann er nicht nachvollziehen.

Der griechischen Gemeinde fehlen die Räume

Unter dem früheren Oberbürgermeister Peter Reuschenbach wäre das nicht passiert, glaubt Tatsios. Dabei sei die Arbeit der Gemeinde noch heute wichtig: Ging es damals noch darum, Neuankömmlingen das Einleben zu erleichtern, geht es nun bei der Gemeindearbeit vor allem darum, die kulturelle Identität bei den Kindern der einstigen Gastarbeiter zu bewahren.

Vergleicht Pantelis Tatsios das Essen der 1960er Jahre mit dem Essen von heute, fällt ihm das Wort Arbeit ein. "Zu dieser Zeit war es sehr schwer, nach Deutschland zu kommen, aber leicht, Arbeit zu finden. Inzwischen ist es umgekehrt", glaubt er. Arbeitslosigkeit mache die Menschen bitter, sagt Tatsios, bevor er seinen Tee ein wenig nachsüßt und umrührt. Die roten Safranblüten beginnen erneut ihre Kreise zu ziehen.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Erschienen in der "Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung" (NRZ) vom 16. März 2008

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