Dienstag, 11. Januar 2005

Bleibt alles anders

Wenn Wahlen etwas verändern könnten, dann wären sie längst abgeschafft. Diese pessimistische Einstellung eint religiöse Fundamentalisten und Verbalrevolutionäre weltweit. Selbst in den deutschen Partyräumen des gesicherten Wohlstands bleibt dieser Ausspruch meist unwidersprochen zwischen den Caipirinha-Gläsern stehen. Wir wollen den Wandel. Egal welchen. Hauptsache radikal. Hauptsache jetzt und hier. So geht es nicht mehr weiter.

Dem allgemeinen Empfinden nach gehen soziale Veränderungen viel zu langsam vonstatten. Im Speziellen jedoch viel zu schmerzlich. Sei es bei der Praxisgebühr, den Steuerfreibeträgen oder den Zumutbarkeitsregeln bei Arbeitsuchenden. Jedes Reförmchen verursacht einen Urschrei aus der Volksseele. Deshalb lassen Parteien jedweder Farbschattierungen tendenziell lieber die Finger von schmerzlichen (Er-) Neuerungen, die wir uns angeblich so sehnlichst wünschen.

Aus solchen Ohnmachtsgefühlen heraus wurde der Aberglaube geboren, demzufolge ein Jahreswechsel mit dem Anbruch einer neuen Zeit gleichzusetzen sei. Kaum auf der Welt, soll es das neue Jahr richten, den großen Wurf wagen, das Ruder rumreißen, den Mentalitätswandel in Deutschland herbeiführen, den schwarzen Himmel farbenfroh erleuchten. Jetzt wird sich wieder was getraut.

Aber kaum ist das junge Jahr eine kleine Woche alt, ist es schon vorbei - mit der Aufbruchstimmung. Zigaretten und Schokolade schmecken wieder, die Mitgliedskarte vom Fitnessclub bleibt unauffindbar und Meinungsumfragen lassen alle Hoffnungen auf einen Stimmungsumschwung wie Knallfrösche zerplatzen. War früher wenigstens noch die Zukunft besser, so blickt die Mehrheit der Deutschen mit großen Bedenken ins neue Jahr: 53 Prozent hegen den Glauben, 2005 würde ein schlechteres Jahr als das vergangene. In Ostdeutschland sehen sogar 64 Prozent schwarz für dieses Jahr.

Damit aus Schwarzmalern im Bundestagswahljahr 2006 nicht Schwarzwähler werden, hat sich der Bundeskanzler und seinem Kabinett unerschütterliche Zuversicht verordnet. Nachdem es bereits in der Neujahrsansprache Schröders 2001 „viele Zeichen der Hoffnung" gab und wir 2002 vor einem „Anfang für eine neue Dynamik wirtschaftlicher Leistung" standen, seien wir jetzt, dank der rot-grünen Agenda-Reformen, „wieder zukunftsfähig".

Bleibt also alles anders in Deutschland. Oder, um es radikal-revolutionär zu formulieren: Würden Jahreswechsel etwas verändern, dann wären sie längst abgeschafft.  

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Erschienen im Darmstädter Echo vom  10. Januar 2005

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