Samstag, 13. August 2005

Was von Olympia übrig blieb

Athen ein Jahr nach den Sommerspielen - Viele Sportstätten ungenutzt ("Die Welt" vom 12. August 2005)

Athen - Es herrscht eine beschauliche Idylle unter dem Glasdach des Athener Olympiastadions. Der Wind weht durch die leeren Zuschauerränge, läßt eine achtlos liegengelassene Zeitung rascheln, um anschließend einen zerknitterten Pappbecher zum Tanzen zu bewegen. Schwalben trällern von den zwei 80 Meter hohen Überrollbügeln der imposanten Dachkonstruktion in den blauen Himmel. Der Rasen darunter wirkt gepflegt, aber ungenutzt. Keine Seitenlinien, keine Eckfahnen, nicht eine Markierung, die auf sportliche Aktivitäten hinweist. Die fünf olympischen Ringe auf der Laufbahn - verblichen.

Daß in dieser modernen Arena des Sports vor fast einem Jahr Athleten aus aller Welt um Medaillen wetteiferten, verrät einzig der Ruß auf dem weißen, 31 Meter hohen Feuerkessel gegenüber der Anzeigetafel. Solange hier die olympische Flamme vom 13. bis zum 29. August 2004 loderte, pilgerten täglich mehr als 70 000 Menschen in das aufwendig modernisierte Olympiastadion, um lautstark ihre Sportidole anzufeuern. Für jeden, der dabeisein konnte, war es ein unvergeßliches Ereignis.

Und es war der Sommer der Griechen. Erst der überraschende Gewinn der Fußball-Europameisterschaft in Portugal, dann - für manche Beobachter aus dem Ausland nicht weniger überraschend - die Inszenierung eines erfolgreichen und sicheren Weltsportfestes. Mehr noch: Athen bot "magische Traumspiele", wie Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), jüngst noch einmal bekräftigte.

Angesichts solcher Lobeshymnen reißt Fanny Palli-Petralia, der stellvertretenden griechischen Kulturministerin, vor Stolz fast die Perlenkette, wenn sie im Gespräch mit ausländischen Journalisten die olympische Erfolgsbilanz ihres Landes resümiert. "Wenn wir Griechen etwas gemeinsam wollen, dann schaffen wir es auch", diktiert sie in die Blöcke. Gesagt, notiert. Also: toll! Respekt! Glückwunsch! Eine Frage aber noch: Was nun, Athen?

Die Welt des Sports blickt gebannt nach Peking und nach den Bombenanschlägen vom 7. Juli nach London - den Austragungsorten der Olympischen Sommerspiele 2008 und 2012. Jeder Versuch, aus den Spielen in Athen 2004 noch einen Tropfen politisches Kapital für die Gegenwart zu gewinnen, muß fehlschlagen. Der olympische Geist ist in seinem Heimatland verflogen, Tassen und T-Shirts mit dem Konterfei der beiden Maskottchen der Sommerspiele 2004 sind bis zu 70 Prozent reduziert.

Längst haben die Alltagssorgen wieder tiefe Falten in die Gesichter der Menschen gegraben, deutlich zu sehen bei den streikenden Arbeitnehmern auf dem Platz der Verfassung. Hier traf sich während der Spiele allabendlich das bunte Völkchen der feiernden Weltjugend. Jetzt werden hier Parolen gegen den harten Sparkurs der konservativen Regierung skandiert.

Der Bau der Sportarenen wurde fristgerecht abgeschlossen, jetzt steht den Griechen der Umbau der Sozialsysteme bevor. Und beides scheint irgendwie zusammenzuhängen. Moderne Sportinfrastruktur hatten die Organisatoren den Hellenen versprochen. Tatsächlich verfügt Griechenland nun über modernste Anlagen - nur drohen sie zu verwittern. Bislang haben Normalbürger kaum Zugang zu den hochmodernen Sportanlagen, wie zu dem für mehr als 200 Millionen Euro neu gestalteten Olympiagelände "Oaka". Ausnahme bleiben die Fans des Fußball-Erstligaklubs AEK Athen, die ihre Heimspiele im Olympiastadion erleben. Ansonsten heißt es an den Toren für Touristen und Athener schroff: "Zutritt verboten!" Für Olympianostalgie ist Athen (noch) nicht zu haben.

Für Kommerz schon. Auf der "Agora" des Olympiageländes, einem Wandelgang unter bogenförmigen Stahlarkaden, werden Werbeaufnahmen für ein Automobil geschossen; einen Schattenwurf davon entfernt, wird eine Handelsmesse für Solartechnik von Handwerkern vorbereitet. Schon bald aber, erklärt Christina Katsoula vom "Oaka"-Organisationsbüro, schon bald wird die Anlage den Bürgern der Stadt in neuer Pracht als Sport- und Freizeitpark zur Verfügung stehen.

Es ist dieses Wörtchen "bald", das die meisten Athener erzürnt. Gregor Tsoumanis, der in Darmstadt Nachrichtentechnik studierte und nun in Athen lebt, verweist etwa auf die Verzögerungen beim Umbau des olympischen Dorfes. Die Mieter aus den sozial schwächeren Schichten haben ihre Zusagen zwar erhalten, aber auf Nachfragen bezüglich eines festen Bezugstermins, hören sie seit Monaten nur "bald". "Es ist, als hättest du dir einen Luxuswagen bestellt, bezahlt und geliefert bekommen, der vor deiner Haustür steht, und du darfst nicht einsteigen, um ihn zu fahren", sagt der Nachrichtentechniker. Und fügt hinzu: "Ein Skandal!"

Der erst im März 2004 ins Amt gewählte Ministerpräsident Kostas Karamanlis sieht sich mit der wachsenden Ungeduld seiner Landsleute konfrontiert, die mit Steuergeldern die rund 30 hochmodernen Sportstätten komplett finanziert haben. Das Wirtschaftsministerium in Athen beziffert inzwischen die Gesamtkosten für die Spiele auf knapp zehn Milliarden Euro - fast dreimal so viel wie ursprünglich veranschlagt. Die Schieflage in den öffentlichen Haushalten ist dramatisch.

Christos Hadjiemmanouil, Geschäftsführer der Olympiaanlagen, zeigt Verständnis für den Frust bezüglich der Nutzung von Olympiastätten. "Das griechische Volk hat genug bezahlt. Der Moment ist gekommen, die Dividende aus den Spielen einzustreichen", sagt er. Mit "Moment" meint er nicht "bald", sondern das Jahr 2007. Um- und Rückbaumaßnahmen bräuchten nun mal ihre Zeit.

Der smart wirkende, 40 Jahre alte Manager ist von der renommierten London School of Economics für zwei Jahre an die Spitze der halbstaatlichen Immobiliengesellschaft gewechselt, um das Erbe der Spiele zu vermarkten. Tatsächlich jedoch erweisen sich die teuren Sportanlagen als Ladenhüter. Dementsprechend setzt Hadjiemmanouil seine Ziele bescheiden an: "Die Baukosten werden wir durch Vermietung und Leasing der Anlagen nicht wieder einholen können, die laufenden Kosten für deren Instandhaltung schon." Wie hoch diese sind, kann oder will er nicht sagen. Medienberichten zufolge sind es bis zu 100 Millionen Euro jährlich.

Für bestimmte Objekte fehlt schlicht die Nachfrage, wie etwa für die Ruderanlage in Schinias. Auch für das 550 Hektar große Sportzentrum auf dem alten Flughafen "Hellenikon", haben sich noch keine seriösen Investoren gefunden. Bislang gab es hier lediglich ein Rockkonzert. Was einst als "Europas größte Freizeit- und Vergnügungsstätte" gedacht war, liegt ungenutzt hinter Absperrgittern. Schwalben überwinden solche Hindernisse leicht. Für die Menschen jedoch, die das nach-olympische Athen besuchen oder die hier leben und arbeiten, heißt es: "Kein Zutritt!"

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S

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