Sonntag, 1. März 2009

Bitte nicht anfassen!

ROLLENTAUSCH. Ein Museum ist kein Streichelzoo und so eine Aufsicht hat's nicht leicht. Man muss ordentlich Stehvermögen mitbringen. Ein Tag im Römermuseum.

Zur Nostalgie des Alltags gehört es, dass wir täglich Menschen begegnen, die wir innerhalb von Sekunden wieder vergessen – ob am Bahnsteig voller Berufspendler oder in der Schlange am Postschalter. Wartend zerrinnt die Zeit und mit ihr die Erinnerung an all diejenigen, die zufällig unseren Weg gekreuzt haben.

Ich stehe am Wegesrand einer Zeitreise, die die Besucher des Römermuseums in Xanten in den Niederrhein der Antike führt. Für einen Tag nehme ich die Rolle der Aufsicht ein. Bis 16 Uhr werde ich 279 Leuten einen Guten Tag gewünscht haben, einigen dabei helfen, einen zentnerschweren Gladiatorenhelm aufzusetzen, den Weg zur Toilette zeigen und Schüler höflich darauf hinweisen, dass über 2000 Jahre alte Steinblöcke nicht als Schreibunterlage taugen.

Muskelkater vom Lächeln

An die zwei, drei etwas verhaltensauffälligeren Besucher werde ich mich später erinnern können, an die stillen weniger. Mein Körper aber, der vergisst nichts. Nach sechs Stunden fast ununterbrochenem Stehen schmerzen meine Oberschenkel und Schultern. Auch an den Wangen spüre ich einen leichten Muskelkater vom ständigen Lächeln. Vollkommen gefrieren meine Gesichtszüge aber erst, als Angelika Molderings von der Kassenleitung des Museums ihre Mitarbeiter mit den Worten verabschiedet: „War doch ein ruhiger Tag heute."

Noch ist es aber nicht soweit. Mein Arbeitstag als Museumsaufsicht hat nicht begonnen. Es ist 9.45 Uhr, vor den großen, gläsernen Türen des Museums drängt sich lautstark eine Schülertraube. Was wie eine kriegerische Germanenarmee vor dem Angriff auf eine römische Festung wirkt, lässt Werner Brammen kalt.

„Ruhe behalten, dass ist hier ganz wichtig", doziert er, während er meine Krawatte geraderzupft. Mit meiner Ruhe ist es allerdings endgültig vorbei, als Brammen erklärt, warum der Binder des männlichen Personals hier nicht gebunden, sondern lediglich mit einem Gummiband befestigt wird: „Dann kann uns niemand strangulieren, wenn er uns an der Krawatte zieht." Als ich erschrocken aus meiner blauen Uniform schaue, sagt er, der den Job schon seit zwölf Jahren macht, mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Ist halt so 'ne Berufsgenossenschaftsvorschrift, hier geht einem keiner an den Kragen."

Knuddeln mit dem Bronzeknaben? Nein!

Dann geht's los: Wie von einem unsichtbaren Dirigenten orchestriert, setzen sich die Aufsichtskräfte in Bewegung. Um 9.59 Uhr sind alle auf ihren Posten. Ich stehe mit Jutta Buschmann im ersten Obergeschoss, dem so genannten Kapitell. Es ist Punkt zehn Uhr, Angelika Molderings gibt ein Zeichen, die Türen öffnen sich, und ein Pulk aus Schülern poltert ins Museum. Es ist die erste von elf Gruppen, die an diesem Tag durch das Museum geführt wird.

Die Zeit, die noch bleibt bis die ersten Besucher bei uns angekommen sind, nutzt Jutta Buschmann für einen Benimm-Schnellkurs fürs Aufsichtspersonal: Nicht mit den Händen in den Hosentaschen oder mit den Armen vor der Brust verschränkt stehen. Ebenfalls tabu: Kaugummikauen oder Kurznachrichten ins Mobiltelefon hacken, geschweige denn damit telefonieren. Dann erklärt sie, warum ich nicht einen Tag als Museumswärter, sondern als Aufsicht absolviere: „Wir arbeiten im Besucherservice, dass heißt, wir helfen, wenn wir gefragt werden und sind stets zurückhaltend und freundlich." Es sei so, als würde man Gäste in seinem Wohnzimmer empfangen, sagt sie.

Aha! Eine Aufsicht ist kein Türsteher. Ein Satz wie „du fasst hier nichts an", würde Jutta Buschmann nie über die Lippen kommen. Präsenz heiße hier das Zauberwort – auch wenn sich kein Museumsbesucher an eine Aufsicht erinnern wird.

Tatsächlich verlangsamt jede noch so stürmische Schülergruppe ihren Schritt sobald sie sieht, dass jemand sie sieht. Der Anfasstrieb, den die antiken Ausstellungsstücke bei manchem Betrachter provozieren, wird durch den Blick der Aufsicht unterbunden. Im Römer-Museum muss das Aufsichtspersonal besonders aufmerksam sein, da viele Exponate frei stehen, nicht hinter Glas – zum Beispiel das Original des „Lüttinger Knaben".

Eine Museumsführerin bringt es auf den Punkt, als sie mit ihrer Gruppe an der lebensgroßen Bronzestatue steht: „Man möchte den Knaben knuddeln." Die Besucher lachen, bei mir zeichnet sich Angstschweiß auf der Stirn ab. Was mache ich, wenn die sich jetzt wirklich alle auf den Jungen stürzen? Machen sie aber nicht. Und an den Kragen wollte mir auch niemand. Stopp. Hier wache ich! Cordula Rauh aus Berlin nimmt's mit Humor.

Text: Nikolaos G e or g a k i s
Fotos: Ron F r a n k e
Erschienen in der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) vom 28. Februar 2009

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