Mittwoch, 19. August 2009

Jan Delay hat Spaß an Funk und Protest

Jan Delay empfängt uns auf der Terrasse seiner Suite im noblen Dom Hotel, direkt mit Blick auf das Kölner Wahrzeichen. Ein Fünf-Sterne-Ambiente: neoklassizistische Möbel, Teppiche, die jeden Schritt verschlucken, aufmerksames Personal. Der 32-jährige Musiker aus Hamburg trägt eine viel zu große lila Baseballkappe, lila T-Shirt, lila Turnschuhe und karierte Shorts. Delay wirkt damit wie ein Graffiti, das jemand auf die Fassade des Hotels gesprüht hat.
Eigentlich wollte ich dieses Gespräch mit einem Kompliment beginnen…

Jan Delay: …und warum machst du’s nicht?

Weil du gar nicht die feine Garderobe trägst, wie bei deinen Konzerten etwa. Für unser Interview hast du dich… nun ja, für Freizeitkleidung entschieden.

Delay: Ich seh’ aber trotzdem gut aus!

Sagen wir mal so: Für jemanden, der aus seinem alten Palästinensertuch eine Krawatte hat schneidern lassen und öffentlich über Mode und Stil reflektiert, zumindest irritierend. Sind deine Anzüge nur eine dandyhafte Pose?

Delay: Sicher ist das Teil meiner Performance. Musik ist doch nicht nur ein Hörerlebnis. Und weil ich Perfektionist bin und richtig gutes Entertainment liefern will, achte ich auf mein Äußeres. Als klar war, wir machen ein Funkalbum, stand auch fest, dass die Band und ich funky aussehen müssen. Stell’ dir vor, wir spielten in unseren Wohlfühlklamotten Funk. Junge, das würde gar nicht die innere Haltung dieser Musikrichtung reflektieren.

Apropos innere Haltung: Manche wollen dir die gesellschaftskritischen Passagen in deinen Liedern, vorgetragen mit Anzug und Schlips, nicht abnehmen. Auch weil du dich so offen zum Genießertum bekennst. Kannst du das nachvollziehen?

Delay: Voll, aber es interessiert mich nicht. Ich bin in erster Linie Sänger, Künstler und Entertainer. Ich will die Leute unterhalten. Und wenn ich da noch Ideale mit reinpacken kann, dann ist das eine schöne Sache. Würde ich plump, spaßfrei und ohne schöne Reime das übliche „Die Welt ist schlecht, die Wirtschaftskrise schlimm und schuld sind die und der“ runterbeten, dann würden sich das nur die Leute anhören, die das schon wissen. Nein, nein. Damit bringt man die Leute nicht zum Nachdenken.

Und wer ist „Jonny“, dem du auf der ersten Singleauskopplung aus deinem neuen Album ins Gewissen singst?

Delay: Jonny, das bist du, das bin ich, das sind wir alle. Jeder hat einen Jonny in sich. Hier geht es um den Spaßfreiraum, den ich mir innerhalb meiner Ideale schaffen will, den sich jeder schaffen sollte. Protest muss Spaß machen – auch wenn es letztendlich um eine sehr ernste Sache geht.

Am Ende des Songs drohst du aber doch noch mit dem Karma, das sich bei einem nicht klimaneutralen Verhalten verschlechtern könnte.

Delay: Du kannst nicht alles richtig machen. Dann bräuchtest du gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Lachen brauchst du auch nicht mehr, über nichts. Bei den ganzen kleinen Sünden, die ich aufzähle, ist es doch schon ein großer Gewinn, dass wir wissen, dass es Sünden sind. Solange du am Ende des Tages ein Gewissen hast, ist es o.k.

Spaß als Grundlage für ein kritisches Bewusstsein?

Delay: Ich will was vermitteln. Deshalb versuche ich, alles in ein unterhaltendes Korsett zu pressen. Das kann ein geiler Reim sein, aber auch die Klamotten. Alles ist Teil des Entertainments. Nur wenn man über etwas einen Gag machen kann, kann man es auch ertragen. Für mich schließt es sich nicht aus, Nike-Schuhe zu tragen und auf eine Demonstration gegen den Weltwirtschaftsgipfel zu gehen.

Oh, bitte nicht, die Republik hat genug über dein Schuhwerk diskutiert.

Delay: Finde ich auch, man spricht mich aber immer noch drauf an; als wären meine Schuhe eine 20fach gebrochene Nase.

Lass’ uns lieber über andere Dinge reden. Täuscht der Eindruck oder ist es dir in Deutschland zu ruhig?

Delay: Viel zu ruhig! Bei uns herrscht eine falsche Zufriedenheit. Die Menschen werden mit den primären Dingen gefüttert…

…primäre Dinge?

Delay: Dinge, wie die Bohlen-Casting-Shows eben, die an unsere niederen Instinkte appellieren. Dinge, die einen abstumpfen lassen. Dinge, die uns oberflächlich das geben, was wir zu brauchen glauben. So lange Samstagabends was in der Glotze läuft, ist doch alles gut.

Beobachtest du das auch bei den jungen Menschen?

Delay: Nein, bei denen spüre ich viel mehr Energie. Ich mach’ mir viel weniger Sorgen um die Zukunft, wenn ich die Jugendlichen von heute sehe. Die haben eigene Ideen, eine eigene Haltung, sind kritisch, können aber Spaß haben. Auch weil sie viel mehr Möglichkeiten haben, als wir damals. Dank Internet wachsen sogar die Kids auf dem Lande mit besserer Musik auf, als wir damals in Hamburg.

Mit welcher Musik bist du groß geworden?

Delay: Mit der Plattensammlung meiner Eltern. Da war viel Funk und Prince dabei. Später, 1986, entdeckte ich über die Gruppe Run DMC den Hip-Hop. Dieser derbe Style hatte mich sofort umgehauen. Hip-Hop ist so etwas wie der kleine Bruder vom Funk.

Du, als das Chamäleon des Pop, hast wider Erwarten erneut eine Funkplatte gemacht. Was fasziniert dich an dieser Musikrichtung?

Delay: Das ist genau meine Musik. Ich bin ein Partyman, ich liebe Rhythmik und Melodien – beides geht bei Funk prima zusammen. Mit Funk kannst du die Leute in Nullkommanix auf die Tanzpiste peitschen. Und du musst dafür noch nicht einmal gut singen können (lacht). Aber was viel wichtiger ist: Kein anderer hat es vorher gemacht.

Da wäre noch die Band Disko No. 1, mit der du auf Tour gehst und dabei aussiehst, als hättest du mächtig Freude dabei.

Delay: Damit liegst du verdammt richtig. Nach über 150 Auftritten haben wir endlich den richtigen Sound gefunden. Das ist so großartig, was wir gerade machen, das mussten wir wiederholen. Auf unserer Platte davor, „Mercedes Dance“, konnten wir noch nicht alles zu 100 Prozent umsetzen. Beim unserem zweiten Funk-Album stimmt einfach alles.

Du bist in einem linksalternativen Milieu aufgewachsen. Wie hast du dich von deinen Eltern damals abgegrenzt?

Delay: Ich hab’ mit zehn Jahren meiner Mutter gesagt, dass ich Börsenmakler werden will. Da hatte ich gerade den Film Wallstreet gesehen, war fasziniert. Nur meine Mutter, die war schockiert.

Vielleicht war deine Mutter zu Recht schockiert. Die Börsenmakler in dem Film sind nicht gerade das, was man moralische Instanzen nennen könnte.

Delay: Wir haben in einem reichen Stadtteils Hamburg als arme Leute gelebt. Für mich war von Anfang an klar: Egal was ich später mache, ich will Geld verdienen. Ich wollte die Verhältnisse, die ich als Junge erlebt habe, nicht mehr noch einmal durchleben. Zum Glück ging dann unsere erste Platte „Bambule“ mit den Absoluten Beginnern sofort ab wie eine Leuchtrakete. Seitdem habe ich keine Zeit mehr gehabt, darüber nachzudenken, was ich hätte tun können. Ich mach’ Musik und das macht mir wahnsinnigen Spaß.

Du hast in unserem Interview oft Spaß, aber nicht einmal Wut gesagt.

Delay: Die spielt bei mir aber natürlich eine große Rolle. Ich kann Wut nur sehr gut in Kreativität kanalisieren. Und vieles habe ich schon auf einen alten Lieder angesprochen, warum soll ich mich wiederholen?

Hat dich die Bankenkrise nicht wütend gemacht? Auf deiner neuen Platte ist jedenfalls keine Zeile davon zu hören.

Delay: Klar kotzt es mich an, wenn Manager tausende Leute auf die Straße setzen und Millionenabfindungen kassieren. Aber ich habe absichtlich keinen Song darüber gemacht. Das wäre zu vorhersehbar gewesen. Eine Zeile hatte ich dann aber doch geschrieben, für ein Intro, das wir wieder von der Platte genommen haben.

Wenn du sie uns vorsingst, dann bringen wir die Zeile in den Umlauf.

Delay: (rapt los) Sie sagen Wirtschaftskrise / alles kaputt / ich sag: hallo, ich bin Musiker / willkommen im Club.

Dass wir auf deiner neuen Platte, außer dem Titel, keinen Bezug zum Film „Wir Kinder von Bahnhof Zoo“ gefunden haben, muss uns nicht irritieren?

Delay: Da ist auch kein Bezug, aber das Wortspiel war toll.

Das Gespräch führte Nikolaos G e o r g a k i s
Erschienen auf DerWesten.de am 13. August 2009
Bilder: Universal

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