Freitag, 14. August 2009

Jan Delay funkt fulminant weiter

Jan Delay knüpft mit seiner neuen Platte "Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ dort an, wo er vor drei Jahren mit "Mercedes Dance" begeistert hatte: beim Funk. Die Band und der Hamburger Rapper sind nun perfekt eingespielt, die Songs griffiger, harmonischer - und unpolitischer.


Wer hat eigentlich behauptet, dass man aufhören sollte, wenn es am schönsten ist? Jan Delay hat jedenfalls nicht aufgehört. Zum Glück!

Drei Jahre nach seinem musikalisch wie kommerziell erfolgreichem Album „Mercedes Dance“ wiederholt sich das Chamäleon des Pop – und legt mit „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ in Sachen Funk- und Tanzmusik fulminant nach. Wer den Hamburger Rapper auf Tournee mit seiner zehnköpfigen Band Disko No.1 erlebt hat, hätte ahnen können, dass so etwas Großartiges nicht nach einem Album zu Ende geht. Das Instrumentalstück „DJ Mad im Glück“ bringt dieses Vergnügen zum Klingen.

Entsprechend eingespielter, harmonischer, griffiger kommen die Lieder auf dem dritten Soloalbum des Hamburger Ausnahmenuschlers daher. „Oh Jonny“, die erste Singleauskopplung, hat da den Takt vorgegeben. Vieles erinnert an Johnny Guitar, Watson oder Chic, anderes wiederum an Prince. Für „Abschussball“, dem sechsten Lied auf der CD, sampelt der Hamburger Delay den Wiener Falco; und Trio gleich mit.

Beim Hören dieses regelrecht verwegenen Songs sieht man bereits vor dem inneren Auge Discokugeln glitzern, spürt, wie es einen auf die im heimischen Wohnzimmer nicht vorhandene Tanzpiste drängt.

Die übliche Portion Mackertum

Nach Anlehnungen zu dem Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sucht der Hörer zwischen den Zeilen freilich vergeblich. Sinnzusammenhänge werden um des Verswillens gar nicht erst konstruiert, Hauptsache, es reimt sich. Also folgt auf „Dekoltee“ schon mal die „DVD“. Überhaupt: Delay vermeidet jegliche Textschwere, die der Musik die Leichtfüßigkeit nehmen könnte. Entsprechend unpolitisch ist dieses Album. Jede Menge Befindlichkeiten und nach innen Gewendetes. Der Trend zum Privaten, hier hat er seinen Soundtrack gefunden.

Neben der von Hip-Hoppern schon üblichen Portion Mackertum auf „Large“, findet sich sogar eine Spur von Larmoyanz auf seinen neuen Liedern. In „Showgeschäft“ zum Beispiel, warnt der Musiker die Jugendlichen mit seinem nasalen Gesang vor der zerstörerischen Kraft der Desillusionierung bei Castingshows: „Doch von 100 kommt nur einer nach oben / der Rest landet bei Neunlive oder auf Drogen.“

Schön, dass er der Eine ist, mag sich Delay beim Schreiben dieser Zeilen gedacht haben. Mit so wunderbar tanzbaren Alben wie diesem ist er aber zu Recht an der Spitze des deutschen Pop-Geschäfts.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Veröffentlicht in der Neuen Ruhr/Neue Rhein Zeitung (NRZ)
vom
13. August 2009

Keine Kommentare: