Samstag, 7. November 2009

Interview mit dem Europaparlamentarier Michael Cramer

Mit dem Fahrrad 7000 Kilometer entlang des Eisernen Vorhangs

"Ich heiße Michael Cramer und bin seit 1979 ohne Auto mobil." Mit diesen Worten begrüßt der Grünen-Europaabgeordnete Besucher auf seiner Internetseite - und man ahnt es schon: Dieser Mann ist viel mit dem Fahrrad unterwegs. Sein derzeitiges Lieblingsprojekt ist der Radweg "Eiserner Vorhang". Drei Bücher hat er diesem Weg gewidmet, ist selbst ein weites Stück des Eisernen Vorhangs entlang geradelt, der einst Ost- und Westeuropa trennte. Die ehemalige Grenze war fast 7000 Kilometer lang und reichte von der Barentssee in Norwegen bis zum Schwarzen Meer. Mit dem EU-Abgeordneten sprach Nikolaos Georgakis, Volontär im Brüsseler Büro der Waz-Mediengruppe.


Herr Cramer, wo waren Sie, als in Berlin am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde?

Damals habe ich an der Nordsee Urlaub gemacht. Ich war 12. Plötzlich lag da eine Zeitung mit der Schlagzeile: "Mauerbau in Berlin! Droht der Dritte Weltkrieg?"
Der Krieg kam bislang immer nur in den Erzählungen meines Vaters, der Onkel und Lehrer vor. Diese immer wiederkehrenden Kriegsgeschichten konnten wir doch kaum mehr hören, wir hatten damit ja nichts zu tun. Aber dann wurde die Gefahr real, ich habe Angst bekommen und geheult wie ein Schlosshund.


Jahrzehnte später haben Sie zunächst den Berliner Mauer-Radweg ins Leben gerufen - und nun den Europa-Radweg. Was hat Sie dazu veranlasst?

Es geht mir um die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kalten Krieges. Die Erinnerung daran darf nicht verloren gehen, denn nur wer seine Vergangenheit kennt, wird die Zukunft meistern. Berlin war nicht alleine gespalten. Auch Deutschland, genau wie der ganze europäische Kontinent. So etwas darf nie wieder passieren. Deshalb müssen wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen.


Meinen Sie, man könne mit dem Schrecken von einst heute Kapital schlagen?

Die Schrecken über die Spaltung und die Freude über deren Überwindung sind doch zwei Seiten einer Medaille. Diese Regionen haben jahrzehntelang unter dem Eisernen Vorgang gelitten, es ist mehr als gerecht, wenn sie heute etwas davon profitieren. Ich finde es schon irre, dass wir inzwischen über Grenzen fahren können, wo man früher erschossen worden wäre. Heute muss man auf dem Weg von Österreich über Slowenien nach Ungarn noch nicht mal einen Pass vorzeigen.


Der Eiserne Vorhang war fast 7000 Kilometer lang, die sind Sie doch nicht alle abgefahren?

Nein! Ich bin ja ins Parlament gewählt worden, um zu arbeiten, nicht um durch Europa zu radeln (lacht). Aber ich habe allerlei Kontakte. Über meine Grünen-Freunde in Brüssel habe ich zum Beispiel einen Historiker aus Finnland kennengelernt, der gerne mit dem Fahrrad unterwegs ist. Er ist den norwegisch-russisch-finnischen Teil abgefahren und hat ihn beschrieben, mit einigen Ergänzungen von mir.
Ich selbst bin etwa 2000 Kilometer der Strecke abgefahren, Abschnitte zwischen Serbien und Rumänien etwa oder zwischen Griechenland und Bulgarien. Den deutschen Teil des Eisernen Vorhangs habe ich komplett selbst zurückgelegt. Und den Rest werde ich in den kommenden fünf Jahren auch noch schaffen.


Die Grenzen waren einst gefährlich, zum Teil lagen dort Minen. Gibt es Gegenden, vor denen Sie warnen?

Überhaupt nicht. Man muss sich nur in einigen Regionen daran gewöhnen, dass einem lange Zeit kein Mensch begegnet. Was die Minen angeht, die sind im ehemaligen Grenzstreifen zu 99 Prozent beseitigt. Ansonsten haben wir fünf Kriterien für diese Route aufgestellt. Erstens: So nah wie möglich an die Grenze. Zweitens: So komfortabel wie möglich. Drittens: Stark befahrene Straßen meiden, selbst wenn dies einen Umweg bedeutet. Viertens: Ost und West im gleichen Verhältnis erfahren. Fünftens: Viele der Mahnmale und Museen integrieren.


Muss man besonders gut trainiert sein, um die Strecken zu meistern?

Nein, muss man nicht. Wer viel Gepäck dabei hat, muss nur bei einigen Streckenabschnitten schon mal absteigen und schieben.


Vollständig ausgebaut ist die Strecke aber noch nicht.

Keineswegs. Ich habe das aufgeschrieben, was heute auf existierenden Wegen möglich ist. Die komplette Ausschilderung und der fahrradfreundliche Ausbau sind das Ziel für die Zukunft. In Berlin hat das fünf Jahre gedauert, in Deutschland schaffen wir es in zehn, in Europa vielleicht in fünfzehn Jahren.


Text: NIKOLASO G E O R G A K I S,
erschienen in der Braunschweiger Zeitung vom 7. November 2009

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