Montag, 9. November 2009

Depeche-Mode-Konzert in Oberhausen

Der Ton, das Licht, die Pailletten

Ein alles durchdringender Sirenenton heult los, dann explodiert ein grelles, gleißendes Licht an der Videowand. Im ersten Moment ist man sich nicht sicher, was mehr schmerzt: Der Ton, das Licht oder das mit Pailletten bestückte Entertainer-Jackett, mit dem Martin Gore auf die Bühne watet. Kurzum: Es ist ein audiovisueller Vorschlaghammer für die Sinne, mit dem Depeche Mode am Samstagabend ihr ausverkauftes Konzert in der Oberhausener Arena beginnen. Doch von der ersten Silbe an, die Dave Gahan mit seiner markant rauen Stimme ins Mikrofon schmettert, lösen sich alle Irritationen in Wohlgefallen auf. Ach was, Wohlgefallen ist das falsche Wort. Depeche Mode versetzen die 12.000 Fans in wahre Euphorie - und das geht seit nunmehr dreißig Jahren so.

Harmonie untereinander - und mit den Fans

Depeche Mode ist längst Geschichte – eine, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Sänger David Gahan scheint von seiner Krebsoperation und den Drogeneskapaden vollkommen kuriert, die Harmonie der Bandmitglieder untereinander ist so groß wie nie zuvor. Oder kann sich jemand daran erinnern, wann Gahan sich jemals auf der Bühne vorm „großen Mister Martin" und seinen Songwriter-Qualitäten verneigt hätte? In Oberhausen jedoch tat er es gleich zweimal.

Und beide wiederum haben die Größe, Christian Eigner öffentlich via Headbanging, also ekstatischem Kopfnicken, an seinem Schlagzeug zu huldigen. Dem Mann also, der Depeche Mode seit 1997 live und auf so mancher Studioaufnahme mit seinem Spiel regelrecht die bleierne Depression von der Tonleiter getrommelt hat.

Der wahre Einpeitscher der Massen bleibt aber weiterhin Frontmann Dave Gahan. Wie ein Stromgenerator vermag er es selbst mit wegwerfenden Handbewegungen seine Fans zu elektrisieren. Vielleicht hat er sich deshalb diese karikaturhafte Tanzfigur angeeignet, bei der er im Hohlkreuz stehend seine Hände in die Luft schießen lässt, um sie plötzlich wieder wegzuziehen, als hätten seine Fingerkuppen etwas Heißes berührt.

Tatsächlich brennt die Luft in der Oberhausener Arena, vor allem, wenn Gahan seine Hüften kreisen lässt oder die Mikrofonstange wie eine Striptease-Tänzerin auf und ab gleitet. Die dunkel mit Kajal geschminkten Augen tun ihr Übriges. Der Brite ist und bleibt die Rampensau par excellence.

Rockige Versatzstücke

Knapp zwei Stunden dauert das Konzert ohne Tiefen, wobei nur etwa ein Drittel der insgesamt 20 Lieder aus dem aktuellen Album gespielt werden. Und während selbst die langsameren Stücke wie eine Rakete abgehen, zündet das Publikum bei den älteren Depeche-Mode-Songs die Endstufe. Bei „Never let me down again" etwa, bei dem sich Gahan das erste Mal auf die weit in die Menge ragende Rampe traut. Die Fans begrüßen ihn mit schwenkenden Armbewegungen und gleichen dabei Unterwasserpflanzen, die von einer Welle hin und her geschüttelt werden.

Ganz oben auf der Woge dieser Begeisterung gleiten freilich Depeche Mode. Sie genießen dieses Konzert, das für ihre Verhältnisse mit geradezu minimalistischer Video- und Lichtkunst auskommt. Der Spaß der Gruppe ist gar so groß, dass sie selbst ihren größten Erfolg „Enjoy the Silence" fast ausschließlich von den Zuschauern singen lassen und ihn mit Disco-Elementen ironisieren. Gleichzeitig stampfen sie im Hintergrund in albernen Astronautenanzügen über eine Leinwand.

Überhaupt haben sie stets Freude daran, ihre Synthie -Studiomelodien live mit neuen, teils rockigen Versatzstücken zu verfeinern, manchmal eben auch zu verfremden. Dieses Dekonstruieren der eigenen Hitgeschichte, hat Depeche Mode die letzten 30 Jahre davor bewahrt, in der eigenen Vergangenheit stecken zu bleiben - sie aber live zu einer der besten Bands der Welt werden lassen.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in: Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung (NRZ)
vom 2. November 2009

Link: Depeche Mode Website
Video-Link: Welt-Online

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