Mittwoch, 18. November 2009

Interview mit der Gruppe Phoenix

Von der kreativen Zerstörungskraft der Melancholie

Phoenix sind derzeit die erfolgreichste Band Frankreichs. Die Gruppe aus Versailles tourt derzeit mit ihrem aktuellen Album „Wolfgang Amadeus Phoenix“ durch die Lande. Mit dem Gitarristen Laurent Brancowitz und dem Sänger Thomas Mars, sprach Nikolaos Georgakis über ästhetische Verbrechen, kindische Cover und die kreative Zerstörungskraft der Melancholie.

Wollen wir über Bomben reden?

Laurent Brancowitz: Gerne!

Thomas Mars: Leg' los!

Ich dachte an solche, die von pinkfarbenen Himmeln fallen...

Mars: ...ach, du meinst unser Cover.

Etwas kindisch geraten, sieht aber immerhin so aus wie sich eure Musik anhört: Gut gelaunte Melodien, die auch mal todtraurige Texte transportieren können. Kann Melancholie so zerstörerisch wie eine Bombe sein?

Mars: Melancholie ist eine der schärfsten Waffen überhaupt (lacht). Sie hat zum Beispiel meine Jugend zerstört – in meinem Fall allerdings auf eine schöpferische Art und Weise. Zum Glück kam mit der Pubertät auch die Musik in mein Leben. Für uns, die wir aus einer kleinen, langweiligen Stadt (Anm. Versailles) kommen, war Musik wie eine Befreiung, ein Weg sich auszudrücken.

Wer hatte denn die Idee zu diesem Bild?

Brancowitz: Wir mögen es, Dinge zu kreieren, die Intensität schaffen, die irritieren. Deshalb haben wir die Bombe gewählt, es ist das Maximum an Intensität – vor allem vor dem pinken Hintergrund. Du sagtest es ja, kindisch (lacht). Es rückt den Titel in den richtigen Kontext.

Der kryptische Titel des Albums grenzt eher an Hybris. Außerdem finden sich darauf gar keine Anleihen an die Klassik...

Brancowitz: Wir wollten einen starken, keinen eleganten Titel. Wie gesagt, wir kommen aus Versailles, dort wissen alle Leute, was Eleganz ist. Etwas Grobes, Verrücktes, ein ästhetisches Verbrechen, ja, das hat uns gut gefallen (lacht). Wir hatten Lust, die Leute mit einem Schock zu begrüßen. Wir setzen uns aber in keiner Weise mit Mozart gleich, dass wäre künstlerischer Selbstmord.

Mars: Dieser Titel ist wie ein Bart auf Mona Lisas Gesicht (lacht).

Ihr seid eine der ersten französischen Popbands, die englisch singen. Was haltet ihr von der Debatte, die Staatspräsident Sarkozy in eurer Heimat darüber angestoßen hat, was eigentlich das „Französisch-Sein” ausmacht?

Mars: Diese Debatte ist traurig und überflüssig. Die Momente, in denen wir uns französisch fühlen, haben wir, wenn wir im Ausland sind. Unsere Musik ist von so vielen internationalen Einflüssen inspiriert, was soll da speziell Französisches dran sein? Keine Ahnung!

John Lennon hat mal gesagt, französischer Rock sei wie englischer Wein.

Mars: Lennon hatte Recht. Zu seiner Zeit haben die meisten Bands in Frankreich versucht, amerikanische oder englische Rockbands nachzuahmen.

Brancowitz: Sie haben Dinge gemacht, von denen sie keine Ahnung hatten. Wir jedenfalls arbeiten sehr hart daran, nicht wie irgendjemand zu klingen.

Vor allem arbeitet ihr auffallend genau, konstruiert eure Lieder wie ein Puzzle aus vielen kleinen Einzelteilen. Da darf nichts verrutschen. Macht euch das vor Auftritten nervös?

Brancowitz: Da haben wir uns noch keine Gedanken darüber gemacht, ehrlich. Das funktioniert eher intuitiv. Aber gerade dieses Album ist trotz seiner Komplexität sehr leicht zu spielen und macht uns großen Spaß der Bühne. Außerdem sind wir live immer zwei Musiker mehr auf Bühne. Und wir sind ein wenig älter und erfahrener geworden (lacht).

Eines ist geblieben: Auch auf eurem neuen Album sind exakt zehn Lieder.

Mars: Es ist idiotisch, ich weiß. Aber es ist eine Art Ritual, das uns diszipliniert, unserer Arbeit einen Rahmen gibt, damit nicht alles ausufert...

Gleichzeitig liebt ihr es, Wörter fast ausufernd zu wiederholen. Wenn es etwa in eurem Lied „Rome” Asche regnet, dann fällt und fällt und fällt sie...

Mars: ...bis wir diesen Moment von hypnotischer Qualität schaffen. Wiederholungen sind der wahre Luxus in unserer Kunst. Nimm etwa den Jazz-Musiker Miles Davis. Der hat bei seinen Konzerten einzelne Motive, die ihm spontan gefielen, zehn Minuten lang wiederholt.

Wie ein Moment, der nicht vergehen soll?

Mars: Oder wie ein Ort, an dem es einem gefällt und man nirgendwo anders sein möchte.

Das Gespräch führte Nikolaos Georgakis, veröffentlicht am 16. November 2009 auf DerWesten.de
und in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ)

Foto: Anne Müller

Link: Konzertkritik
Link: CD-Kritik zu "Wolfgang Amadeus Phoenix"

Link: Phoenix Unplugged mit "Armistice"



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