Mittwoch, 27. Januar 2010

Peer Gynt im Grillo-Theater Essen

Die Welt in seinem Kopf
"Peer Gynt"-Inszenierung von Roger Vontobel feiert im Grillo-Theater eine umjubelte Premiere


Essen. Wenn die Geburt ein Richtfest und der Tod eine Abrissbirne ist, dann ist die Zeit dazwischen, das Leben, nichts weiter als eine einzige Baustelle. Von dem Moment an, in dem uns Menschen ein Ich ins Bewusstsein und über die Lippen kommt, schrauben, sägen und hämmern wir an dem herum, was wir Identität nennen. Entsprechend stimmig mutet die Baumarktästhetik des Bühnenbilds (Claudia Rohner) an, in dem uns Regisseur Roger Vontobel einen „Peer Gynt“ im Blaumann präsentiert – und dieser benimmt sich gleich zu Beginn der Premiere am Freitagabend im Grillo-Theater wie die Axt im norwegischen Walde, haut wie ein Besessener auf einen Baumstamm ein, bis die Splitter effektvoll durch die Zuschauerreihen fliegen.

Polonäse von Trollen

Henrik Ibsen hat in seinem dramatischen Menschheitsgedicht einer Ich-Suche keinen Zweifel daran gelassen, aus welchem Holz dieser Gynt, dieser nordische Faust geschnitzt ist: „Ein stämmiger Bursche von zwanzig Jahren“, heißt es im Original aus dem Jahr 1867 – und diesen bekommen wir mit all seiner unbändigen Lebenskraft zu sehen, mehr noch, zu spüren. Und um es gleich vorweg zu sagen: Florian Lange ist in der Rolle des etwas schräg ins Leben gebauten Peer Gynt ein Ereignis. Der Schauspieler vermag dem Wahnsinn eine Palette von Ausdrucksmöglichkeiten zu verleihen, wie er die Verzweiflung dumm und prollig aus seiner verschwitzten Wäsche blicken lässt. Und wenn er sich gegen den Kopf trommelt, um die Welt, in die er sich geflüchtet hat, wieder heraus zu bekommen, dann sieht man das Chaos in ihm tanzen, ohne das kein Universum geboren werden kann.

Die Welt des Peer Gynt ist eine phantastische. Es bleibt jedem Regisseur überlassen, diese homerische Reise mit Walddämonen, nordafrikanischen Küstenorten und ägyptischen Irrenhäusern als tatsächliche oder imaginierte Odyssee auf die Bühne zu bringen. Roger Vontobel gelingt es in seiner Inszenierung, die Vorstellung seines Publikums nicht mit Unmöglichem zu verstellen. Es genügt dem Peer eimerweise Farbe über den Kopf zu schütten, um ihn in die Welt der Kobolde zu schicken. Und wenn in dem Stück eine Yacht geklaut wird, dann reicht eine Polonäse von Trollen, um eine solche ins Meer stechen zu lassen. Am Ende macht es keinen Unterschied, denn das Gyntsche-Ich bleibt nun einmal „die Welt in meinem Schädel, durch die ich der bin, der ich bin, ich selbst so ohne jede Zweifel, wie Gott Gott ist und nicht der Teufel“.

Kein Trost

Wo die Trennschärfe zwischen Gottes Werk und Teufels Beitrag verschwimmt, da ist Peer Gynt zu Hause. Heimat aber auch kein Trost. Die Erde ist und bleibt ein Planet voller Enttäuschungen, ein Ort, an dem sich das Glück ein Haus gebaut hat, um keinen hinein zu lassen. Peer Gynt steht in Vontobels Inszenierung nach über zwei Stunden Irrungen und Gedankenwirrungen vor verschlossen Türen. Die schöne Solveig (Friederike Becht) hat nicht länger auf ihren bindungsgestörten „Kaiser der Selbstsucht“ warten wollen. Und selbst seine Mutter Aase, die Judith van der Werff als gealterte Schönheit so durchdringend spielt, findet im Tod noch die Kraft, um ihren geliebten Peer Gynt einen „Lügner“ zu strafen. Klar, das Peer in Angesicht seiner letzten Atemzüge etwas von „Pfusch“ faselt, ein Pfusch am Bau namens Leben.

Das Publikum feierte die Premiere mit lang anhaltendem Applaus für die Regie und stehenden Ovationen sowie Bravo-Rufen für den Hauptdarsteller Florian Lange und seine ebenfalls überzeugenden Mitstreitern auf der Bühne.

Weitere Aufführungen: 20.02., 14.03., 20.03., 21.03. und 04.04.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) vom 25. Januar 2010

Fotos: Grillo-Theater Essen

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