Dienstag, 9. Juni 2009

Almodovars aberwitziges Melodram

„Zerrissene Umarmung”, Pedro Almodóvars neuer Film mit Penélope Cruz, ist ein Meisterwerk

Essen. „Zerrissene Umarmungen”, der neue Film des spanischen Ausnahmeregisseurs Pedro Almodóvar, beginnt wie er zu Ende geht –mit einer zärtlichen Berührung. Die erste geht von den Händen des Autors Harry Caine aus und tastet nach dem Gesicht einer hübschen Unbekannten. Sie hat ihm über die Straße geholfen, er wird sie nach dem kurzen Beischlaf auf der heimischen Couch wieder vergessen. Die zweite Berührung jedoch, die letzte, die schmerzt. Sie gilt dem Bild aus einer Zeit, in der Harry sich noch Mateo nannte und Filme drehte. Zögerlich, nahezu ängstlich, gleiten seine Fingerkuppen über den Fernseher, als könnte er sich an den flackernde Schneeflocken verbrennen, die sich zwischen das grobkörnige Bild geschoben haben. Verschwommen erkennt man ihn in inniger Umarmung mit Lena (Penélope Cruz), ein letzter beiläufiger Kuss unter Verliebten in einem Auto, kurz bevor sie der Tod auseinanderreißt.

Macht, Liebe, Tod

Bei diesem Unfall wird er mit seiner Liebe auch sein Augenlicht verlieren. Zwei Leben und doch ein und derselbe Mann, der nie mehr derselbe sein wird. Almodóvar wäre nicht der oscargekrönte Kinoverrückte, wenn der Anfang seines Films schlicht der Beginn einer Geschichte wäre. Nein, der Zuschauer wird vom ersten Moment an in einen Sog aus Macht, Liebe und Tod gezogen. Und im Laufe dieses vielschichtigen Films werden wir erfahren, wie aus Mateo (Lluís Homar) dem Filmemacher, der blinde Autor Harry und dann wieder der Mateo wurde, der voller neu gewonnener Lebensfreude seinem Neffen ins Stammbuch diktiert: „Man muss einen Film beenden – notfalls blindlings.”

Das Melodram, das aufgrund des aberwitzigen Humors keine Sekunde melodramatisch wird, nimmt Fahrt auf, als Mateo und Lena sich bei einem Casting begegnen. Fortan können sie Augen und Hände nicht mehr voneinander lassen. Er, der Regisseur, sie, die Millionärsgattin. Penelope Cruz mimt überzeugend die junge Frau, die in Madrid als Sekretärin nicht überleben
kann. Schließlich gibt sie zunächst ihre Träume von einer Schauspielkarriere auf und dann den geschickten Avancen ihres reichen Chefs nach. Als sie mit Mateo zu drehen beginnt, bekommt sie eine Ahnung von einem Leben, das ihres hätte sein können.

Fotografierter Film

Die Art, wie Almodóvar die Penélope Cruz in Szene setzt, macht deutlich: Dieser Film ist auch eine Liebeserklärung an das Kino, ja das Filmemachen selbst – voller Zitate und Anspielung auf den „Film Noir” und eigene Produktionen wie „Frauen am Rande des Nervenszusammenbruchs”. Streng genommen dreht Almodóvar keine Filme, er fotografiert sie. Die Farben, die Motive, die Einstellung, nahezu jedes Bild ein Kunstwerk – jedes einzelne allemal wert, in der Galerie unseres kollektiven Bewusstseins aus Zelluloid und Leinwand ausgestellt zu werden. Damit sind nicht nur die Aufnahmen gemeint, auf denen Penélope Cruz abgelichtet ist. Sie steht zwar im Mittelpunkt, spielt aber nicht die Hauptrolle. Stark etwa die Sequenz, in der der eifersüchtige Ehemann Wort für Wort vor heimlich gedrehten Videoaufnahmen erstarrt, während eine Gebärdendolmetscherin von den Lippen seiner Frau den Ekel abliest, den sie für ihn empfindet.

Auch wenn Almodóvar zahmer geworden ist, so ist ihm wieder einmal ein poetisches Meisterwerk gelungen. Nicht mehr, nicht weniger. Wer nach der Szene vor dem Fernsehschirm, in der Mateo versucht zu berühren, was die Vergänglichkeit ihm geraubt hat, im Kino nicht nach einem Taschentuch greift, der hat nie erfahren, wie sich Risse im Herzen anfühlen.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ)
vom 8. August 2009
Foto: Tobis Film

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