Montag, 8. Februar 2010

Brechts Kreidekreis in Dinslaken

„Ein helles Kasperletheater“
Die Aufführung von Bertolt Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ an der Burghofbühne Dinslaken misslingt


Dinslaken. Da musste sogar die Ziege an der kurzen Leine lachen. Das Stück hatte noch nicht begonnen, das Publikum bahnte sich noch seinen Weg durch die Sitzreihen, da rief ein in Proletarierkluft gekleideter Schauspieler von der schummrig erleuchteten Bühne: „Wir fordern: Die Auslieferung von Ministerpräsident Rüttgers an die Republik Rumänien.“ Einige verstanden die Anspielung auf die Ausländer-Schelte, die NRW-Ministerpräsident Rüttgers bei einem Wahlkampfauftritt im August vergangenen Jahres von sich gab. Andere lachten trotzdem.

Nun wurde der selbsternannte Arbeiterführer Rüttgers am Freitag in der ausverkauften Kathrin-Türks-Halle in Dinslaken nicht zum zweiten Mal zum Ritter des Ordens „Wider den tierischen Ernst“ geschlagen. Vielmehr gab das Landestheater Burghofbühne den „Kaukasischen Kreidekreis“, den Bertolt Brecht vor 66 Jahren um sein Drama aus fünf Akten und einem Vorspiel zog.

Quälende Längen

Gleichwohl wähnte man sich in den ersten zwei Stunden dieser Inszenierung eher in einer Karnevalssitzung als in einer Theaterpremiere. Kurzum: Bis zur Pause war diese Inszenierung ein Ärgernis. Regisseur Thorsten Weckherlin vermag das Kunststück zu vollbringen, durch Kürzungen am Original statt Konzentration lediglich quälende Längen zu erzeugen. Weckherlin beschreibt den Kreidekreis selbst als ein „helles Kasperle-Theater“ - und inszeniert es als solches. Nur fast ohne Lichtblicke. Er lässt seine zwölf Darsteller, die 60 Rollen spielen müssen, großteils wie Pappkameraden agieren: auf die Bühne kommen, Text aufsagen, Abgang.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Grusche. Die junge Magd (von Stefanie Obermaier-Staltmeier mit naiver Mütterlichkeit gespielt) wird das Neugeborene der Gouverneursfrau (Tina-Nicole Kaiser) an sich nehmen. Inmitten eines Aufstands wird die Frau des Regenten aus Sorge um ihre Garderobe ihr Kind vergessen, Grusche wird es unter großen Entbehrungen aufziehen. Es folgen Flucht und Vertreibung, falsche Eheversprechen und schließlich ein Streit um das Sorgerecht.

Raffgieriger Trunkenbold

Das ist die Stunde des Carsten Caniglia. Seine körperbetonte Spielwut in der Rolle des Dorf-Richters Azdak rettet die Aufführung. Mit Brechts Worten gesprochen: „Kaltes Dulden und endloses Beharren“ zahlen sich also aus. Caniglia zuzusehen ist eine Freude. Er ist ein raffgieriger Trunkenbold, einer der stets das Böse will und doch das Gute schafft. Auch mit seinem Kreidekreis, aus dem die beiden Frauen den Jungen (Jasmin Ernst) ziehen sollen, um ihr Muttersein zu beweisen. In der chinesischen Legende, die Brecht als Vorlage nutzte, gewinnt die leibliche Mutter. Bei Brechts-Parolenstadl dagegen diejenige, die loslassen
kann.

Vom Publikum in Dinslaken gab’s für die durchwachsene Vorstellung dennoch begeisterten Applaus. Die Ovationen für Carsten Caniglia, die waren jedenfalls nachvollziehbar.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in: Neue Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ)
vom 8. Februar 2010
Foto: Landestheater Burghofbühne

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