Donnerstag, 11. Februar 2010

Tocotronic: Wie im Wahn

Es ist des Irrsinns fettes Album, das die Band namens Tocotronic uns da ins CD-Regal gestellt hat - voller Weltekel, Widerborstigkeit und Wahn. Seit fast 20 Jahren nun inszenieren sich die vier Hamburger äußerst erfolgreich als die intellektuellen Totalverweigerer unter den Deutschrockern. Und auch ihr neues Album „Schall und Wahn“ (Vertigo/Universal) ist ein textlich sperriges wie musikalisch eingängiges Gesamtkunstwerk; ein dramatisches Gedicht, dargeboten unter Gitarrengewittern. Das sind keine Lieder, um zur Besinnung zu kommen, sondern bestenfalls, um sich in der eigenen Melancholie bis zur Besinnungslosigkeit zu steigern.

Goltzende Blumen

Das gilt vor allem für Zeilen wie aus dem achtminütigen Song „Eure Liebe tötet mich“: „Die Blumen glotzen mich an / Von oben herab / ein Sterben lang“. Ästhetik des Widerstands Nicht zuletzt dank des Gesangs von Dirk von Lowtzow klingt der Trübsinn nirgendwo anders schöner. Nicht in deutscher Sprache. Zu den Höhepunkten der Platte gehören sicherlich die Titel „Im Zweifel für den Zweifel“ (opulent mit Geigen untermalt), „Keine Meisterwerke mehr“ und „Mach es nicht selbst“. Wo sich die Moderne im Projekt der Selbstverwirklichung zu verlieren scheint, propagieren Tocotronic die Selbstauslöschung, den Boykott der Marke Eigenbau: „Heim und Netzwerkerei / Stehlen dir die schöne Zeit /Wer zu viel selber macht /Wird schließlich dumm.“

Die Ästhetik des Widerstands haben sich Tocotronic auch in diesem Album bewahrt - und erstaunlicherweise nehmen wir ihnen das auch noch ab.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in der Neuen Ruhr/Neue Rhein Zeitung (NRZ)
vom 11. Februar 2010
Link zur Homepage von Tocotronic
Fotos: Vertigo (Universal)

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