Montag, 6. November 2006

Jamiri in AufRuhr

Das Ruhrgebiet im Comic-Format
Essen ist ein Dschungelcamp und Alfred Jodocus Kwak sinniert über Zechen: Jetzt gibt's Revier-Comics "Nee, war datt'n Tach": Fast ohne Worte, aber doch vielsagend: Diese Episode aus dem neuen Ruhr-Comic-Band hat das Waterkant-Kind Helge Jepsen gezeichnet.

Auf dem Rathausdach am Porscheplatz wuchern großblättrige Bäume, aus dem RWE-Turm sprießen lianenartige Gewächse durch die Röhren der Klimaanlage ins Freie. Soviel Grün - und kein Mensch weit und breit. Bis auf drei Archäologen, die sich mühsam durch das dichte Gestrüpp kämpfen. Erst auf der wild bewucherten A 40, dann über dem vermoosten Kennedyplatz, bis sie schließlich, vorbei an verlassenen Baudenkmälern, drei bierselige Gestalten im Caf´e´ "De Prins" antreffen. Die haben noch nicht mitbekommen, dass der Strukturwandel im Ruhrgebiet schief gegangen ist. Essen ist längst ein verlassenes Pflanzenbiotop, irgendwo im Westen der Schrumpfrepublik Deutschland.

Die urwaldartige Zukunftsvision im Comic-Format trägt den Titel "Ruhrgebiet, später". Sie entspringt der Feder des gebürtigen Esseners Christian Schellewald, der inzwischen für die legendären Dreamwork-Studios in Los Angeles arbeitet. Und sie ist nicht die einzige Geschichte in dem gerade erschienenen Sammelband "aufRuhr", die einen leicht bitteren Beigeschmack hat. Der auch jenseits der Reviergrenzen bekannte Comiczeichner Jan-Michael Richter ("Jamiri") hat für den neugegründeten KonturBlau-Verlag in Dorsten 16 Beiträge zusammengetragen, die sich allesamt mit dem Ruhrgebiet auseinandersetzen.
Herausgekommen ist ein Potpourri, das die unterschiedlichsten Stil- und Formelemente vereint. Hier wird "Ruhrgebiet" so vielfältig interpretiert und so bunt, wie es sich selbst gern sieht. Mit von der Zeichen-Partie sind, neben Richter, so renommierte Stiftschwinger wie Ulf K. (Keyenburg), Hendrik Dorgathen und Harald Siepermann, der in seinem Comic-Strip Alfred Jodocus Kwak über stillgelegte Zechen sinnieren lässt.

Der Band ist vieles, auch künstlerisch anspruchsvoll, aber nie gefällig. "Wir haben nicht stupide die Ruhrpott-Industrie-Ikonen illustriert", erzählt Jan-Michael Richter. Auch wenn der Verleger das durchaus gern gesehen hätte (der im übrigen auch den Schatten eines Förderturms auf dem Titelblatt durchgeboxt hat...). Die Künstler waren in ihrer Themenwahl aber völlig frei, in Stilfragen ohnehin. Einzig die Klammer "Ruhrgebiet" stand fest. Und eine so bunte, undisziplinierte Rasselbande, wie sie eine Handvoll Comiczeichner unweigerlich bildet, in einem gemeinsamen Band zu vereinen, das war schon eine "Herkulesaufgabe", sagt Jan-Michael Richter.

Band Zwei? Warten wir mal ab

Der Hauszeichner von "Spiegel Online" und "Unikum" spielte hier zum ersten Mal den Herausgeber. Und wahrscheinlich nicht zum letzten, denn obwohl der Comicband erst seit zwei Tagen in den Regalen der Buchläden steht, munkelt eine Fangemeinde schon über Band Zwei. "Warten wir erst einmal ab", wiegelt Richter ab und bestätigt dann doch indirekt die Gerüchte: "Zeichner genug würden wir locker wieder zusammenkriegen."

Das Netzwerk unter den Comic-Künstlern in Essen ist engmaschig, viele kennen sich noch aus der Studienzeit an der Folkwangschule, treffen sich noch heute regelmäßig zur "Tafelrunde" im Cafe´ "De Prins". Hier kullerte auch die Idee zum Titel "aufRuhr" über den Tisch.

Und hier sitzt Helge Jepsen, nippt mit geschürzten Lippen am Kaffee, den er unaufgefordert serviert bekommt. Man kennt sich. Jepsen hat das Logo des Cafe´s entworfen. Und für den "aufRuhr"-Band hat der Diplom-Designer, der für große Zeitschriften als Illustrator arbeitet, eine in seiner typisch reduzierten Formensprache eine Vier-Kästchen-Geschichte beigetragen. Eine Sequenz daraus ziert das Titelblatt des "aufRuhr"-Comics.

In der Geschichte Jepsens mit dem bittersüßen Humor spielt sein alter Nachbar die Hauptrolle, wie er im Gespräch verrät. Dieser habe tatsächlich sein Leben am Fenster sitzend, lehnend und stehend verbracht. Und: "Er war die erste Type, mit der ich damals das Ruhrgebiet verband", sagt Jepsen. Damals war 1986, als der bekennende Nordfriese aus Flensburg zum Studium der Kommunikationswissenschaften nach Essen ins "Exil" ging, wie Jepsen scherzt, und aus dem er jetzt auch nicht mehr weg will. Es gefällt ihm gut hier: "Das Ruhrgebiet ist herrlich vielfältig. Es kann kulturell mit Berlin mithalten!"

"Ich hasse alle, die hier wegziehen"

Freund und Kollege Jan-Michael Richter gibt sich da leidenschaftsloser. "Würde ich in München leben, würde ich meine Münchener Umgebung malen", sagt er. Eine gewisse Trotzigkeit ist dem gebürtigen Hattinger also schon zueigen. Vor allem, wenn gefragt wird, ob sich denn Ruhrpott und Comic zusammen gut verkaufen werden. Sein eigener Beitrag zum "aufRuhr" spricht Bände. Richters alter Ego Jamiri steht darin auf einer Brücke über der A 40 und sagt unter der Überschrift "Gegendarstellung" zum Thema Kulturhauptstadt: "Ach, dieser Ort allein ist weder faszinierend, schön oder angenehm." Diese Eigenschaften einer Stadt, sagt Jamiri, würden erst durch die Menschen entstehen, die in ihr leben. Vielleicht sagt Richter im Gespräch deshalb so skurrile Sätze wie: "Ich hasse alle, die hier wegziehen." Wer hier geblieben ist, könnte sich dagegen wiederfinden im ersten Ruhrgebiets-Comic.

aufRuhr. Hg. von Jamiri, Vorwort von Fritz Eckenga. KonturBlau Verlag, 54 Seiten, 14 Euro

Text: Nikolaos G E O R G A K I S
Erschienen im Magazin der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ)
vom 5. November 2006
Bilder: Jamiri-Comic "Gegendarstellung", entnommen aus Band aufRuhr (Konturblau Verlag)

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