Sonntag, 21. März 2010

Debatte um Hartz-IV-Empfänger

Arbeit ist nicht nur eine Frage des Geldes
Seit Wochen führen Politiker hitzige Debatten über die Leistungsbereitschaft von Hartz-IV-Empfängern. Die "Welt am Sonntag" hat den Ein-Euro-Jobber Frank Spieß während seiner Beschäftigung auf einem Friedhof in Düsseldorf begleitet.

Frank Spiess ist fest entschlossen - zu allem. Tagtäglich. Der Hartz-IV-Empfänger arbeitet als Ein-Euro-Jobber auf dem Südfriedhof in Düsseldorf. Für jede Stunde, in der er mit dem Spaten Wege aushebt und diese mit einer 700 Kilogramm schweren Walze planiert, für jede Stunde, in der er mit seinen Händen Laub einsammelt und mit einer Motorsäge wuchernde Äste abschneidet, kurz: für jede Stunde harter körperlicher Arbeit bekommt Frank Spieß einen Euro.

Das sind rund acht Euro am Tag, die dem 46-Jährigen nicht auf den Hartz-Vier-Regelsatz von monatlich 359 Euro angerechnet werden. Wenn man sich mit Frank Spieß unterhält, spricht er allerdings nicht über Geld. Er spricht über Würde, über den Sinn von Arbeit und darüber, dass "er für sein Geld auch arbeiten möchte". Aber er spricht auch über Wut. Denn die hitzigen Debatten, die sich seit Wochen um das Selbstverständnis des Sozialstaates und um die Leistungsbereitschaft von Harz-IV-Empfänger drehen, kann Spieß nicht nachvollziehen. Als "Palaver" bezeichnet er die täglichen Schlagzeilen. Vor allem der Ausspruch vom "anstrengungslosen Wohlstand" habe ihn genervt.

"Das ist lachhaft", sagt er und blickt einen dabei lange über den Rand seiner auf die Nasenspitze gerutschten Brille an. Nach Lachen ist dem Mann mit den zerfurchten Händen und dunkler Friedhofserde unter den Fingernägeln schon lange nicht mehr zumute.

"Der Großteil will arbeiten"

Frank Spieß würde alles tun, was ihn für den Arbeitsmarkt qualifizieren könnte. Auch Schneeschippen, wie es der FDP-Chef Guido Westerwelle jüngst forderte; oder Straßenfegen, ja selbst in Altenheimen vorlesen, wie die NRW-Vorsitzende der SPD, Hannelore Kraft, anregte. Übrigens ist das ein alter Vorschlag, den die CSU-Frau Gisela Oberloher bereits vor sechs Jahren in die Welt posaunte. Spieß würde auch, wie im Jahr 2006 vom damaligen Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) ins Gespräch gebracht, den Kontrolleur in Bussen und Bahnen spielen. "Meine Güte, wenn es sein muss, würde ich auch Erdbeeren pflücken, wenn der Sommer kommt." Das heitere Beruferaten der Politiker für Hartz-IV-Empfänger könnte ewig so weitergehen - und immer würde Frank Spieß' Antwort lauten: "Ja! Jeder Job ist besser, als zu Hause zu sitzen und zu warten, bis mir die Decke auf den Kopf fällt."

Für Männer und Frauen wie Frank Spieß hat sich die Verwaltung den Begriff des "Selbstmelders" ausgedacht. Das sind "Bezieher von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II", die sich aus eigener Motivation heraus zu "Arbeits- und Qualifizierungsmaßnahmen" melden, wie es im Beamtendeutsch heißt. "Der Großteil unserer Kunden will arbeiten", sagt Jürgen Hennigfeld von der ARGE in Düsseldorf, der Arbeitsgemeinschaft zwischen der Agentur für Arbeit und der Stadt Düsseldorf. Damit bestätigt Hennigfeld auch die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Die Forscher haben herausgefunden, dass Hartz IV für den Großteil der Langzeitarbeitslosen keine "soziale Hängematte" sei.

Allerdings diene die staatliche Zuwendung nur bedingt als Sprungbrett zurück ins reguläre Arbeitsleben. Auch Ein-Euro-Jobs verbesserten laut IAB-Studie die Lage der Hartz-IV-Empfänger oft nur vorübergehend. Im vergangenen Jahr nahmen rund 6400 Kunden des Düsseldorfer Jobcenters so wie auch Frank Spieß an Arbeitsmaßnahmen teil. Rund zehn Prozent konnten in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt werden.

"Ich habe Bockmist gebaut"

Dieser Sprung vom "sozialen" in den "ersten Arbeitsmarkt" ist auch Frank Spieß gelungen. Mehrfach sogar. Doch meistens stand er nach wenigen Monaten wieder auf der Straße. Fünf Anstellungen und drei Arbeitsmaßnahmen verzeichnet sein Lebenslauf seit 2005. Davor hatte er zehn Jahre lang bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet. Flog dort raus, weil er übermüdet einen Einbruch übersah. "Ich habe Bockmist gebaut", gesteht Spieß. Schon seine Arbeitsbiografie war ein Fehlstart. Seine Lehre als Dachdecker musste der Hauptschulabsolvent abbrechen, nachdem er beinah vom Dach gestürzt war.

Es stellte sich heraus, dass der Lehrling Spieß nicht schwindelfrei war. Entsprechend liest sich heute sein Lebenslauf wie eine Kette aus redlichen Bemühungen, endlich wieder Fuß zu fassen. Doch nicht alle potenziellen Arbeitgeber erkennen Spieß' Arbeitswillen. In einem Bewerbungsgespräch bekam er sogar einmal zu hören, "Ihr Lebenslauf ist abstoßend."

Spieß lässt sich von solchen Sprüchen nicht unterkriegen. Sagt er. "Die ersten sieben Tage nach der Kündigung fühlen sich noch wie Urlaub an", gesteht er und zieht seine Baseballkappe noch weiter ins Gesicht, bis die Augenbrauen verdeckt sind. "Aber dann kommen die negativen Gedanken, wenn ich in Richtung Zukunft blicke. Man fängt an sich zu schämen, versteckt sich zunehmend vor der Außenwelt." Ein Teufelskreis, dem er zu entrinnen sucht, indem er sich sofort an die Caritas wendet und fragt: "Habt ihr was für mich?"

Diskussion an der Realität vorbei

Die Caritas hat ihm schon zweimal geholfen. Sein Betreuer, Jürgen Weyers, glaubt, dass es auch diesmal gelingen wird, Frank Spieß in eine reguläre Beschäftigung zu bringen: "Er ist außerordentlich motiviert und umtriebig." Und er hat im Bereich "Garten und Landschaftsbau" der Caritas sogar den Motorsäge-Schein erworben. "Es geht ja nicht darum, die Leute irgendwie zu beschäftigten, sondern sie zu qualifizieren, ihnen Perspektiven aufzuzeigen", sagt Weyers. Vor allem geht es darum, sie zu stabilisieren. Dazu gehören unter anderem Sucht- und Schuldenberatung sowie psychologische Betreuung. Wichtig sei, den Langzeitarbeitslosen feste Arbeits- und Lebensrhythmen vorzugeben.

Das erreiche man nicht durch Zwangs- und Sanktionsmaßnahmen, sondern mithilfe individueller Betreuung. Damit wird auch klar, welche Bedeutung der "soziale Arbeitsmarkt" hat: Es geht hier darum, Menschen wieder die Chance auf geregelte Arbeit zu geben, die aufgrund von Schicksalsschlägen oder Unvermögen aus ihrer Berufs- und Lebensbahn geworfen wurden. "Das ist Fürsorge", sagt René Trenz, Einrichtungsleiter der Caritas in Düsseldorf. Die sei allerdings "nicht zum Nulltarif zu haben". Wer diesen Arbeitsmarkt ausweiten will, müsse auch die notwendigen Finanzmittel bereitstellen. Da sind sich alle sozialen Verbände wie Diakonie oder Paritätischer Wohlfahrtsverband einig. Die öffentliche Debatte von Westerwelle und Co. über Hartz-IV-Empfänger irritiert Trenz: "Ich kann da kein durchdachtes Konzept erkennen." Die Diskussion scheint an der Realität vorbeizugehen. Jedenfalls an der von Frank Spieß. Wenn er Tag für Tag mit seiner schweren Walze auf dem Friedhof den Weg ebnet, hilft er nicht nur dem Gemeinwohl, sondern vielleicht kann er auch bald wieder auf eigenen Füßen stehen.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s,
erschienen in der "Welt am Sonntag" vom 21. März 2010

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