Samstag, 5. April 2008

Ensemble Cantadoras

Die Geschichtenerzählerinnen
Janin Roeder und Adriana Kocijan gründeten vor zehn Jahren das Ensemble Cantadoras. Beide sind an der Folkwang Hochschule ausgebildet.Das Leben nimmt oft seltsame Wege. Und manchmal kreuzen und verknoten sich diese. Etwa die der Künstlerinnen Janin Roeder und Adriana Kocijan. Die eine stammt aus Stuttgart, die andere aus Zagreb. Das Studium an der Folkwang Hochschule bringt beide nach Essen, aber nicht zusammen. Kennenlernen werden sich Janin Roeder und Adriana Kocijan erst nach dem Studium, in Gießen. Dort haben beide ein Engagement am Stadttheater. Die eine als Tänzerin, die andere als Schauspielerin. Es folgen andere Engagements, viele andere Städte. Doch seit zehn Jahren gehen sie hauptsächlich gemeinsame Wege - als das Ensembel "Cantadoras". Das Wort bedeutet so viel wie Geschichtenerzählerinnen.

"Wir waren am Anfang ganz schön naiv"

Auf ihre Geschichte als freie Künstlerinnen befragt, antworten beide nicht mit den Preisen, die sie gewonnen haben, etwa den "Theaterzwang" im Jahr 2004. Nein, ihren Rückblick verbinden sie mit einem heftigen Seufzer im Kanon. "Wir waren am Anfang ganz schön naiv", sagt Adriana Kocijan. Janin Roeder ergänzt: "Bereits nach unserer ersten Produktion waren unsere Ersparnisse aufgebraucht." Und körperlich ausgelaugt waren sie auch. Wer die intensive, präzise und hochprofessionelle Spielweise der Frauen auf der Bühne erlebt hat - etwa in ihrer herausragenden Produktion frei nach Ovids "Verwandlungen" -, der wird sich schnell ausmalen können, warum sie an ihre Grenzen gelangten.

Es ist diese Unbedingtheit, mit der sie sich ihren Themen widmen und die sie auf der Suche nach Momenten der Wahrhaftigkeit so unverwechselbar in der bunten freien Szene macht. In ihrer radikalen Subjektivität sind sie sicherlich besonders. Gerade deshalb arbeiten sie aber gerne mit anderen Künstlern zusammen, verstehen sich als offenes Ensemble.

Natürlich vermisst das Duo manchmal im hart umkämpften Niedriglohnsektor des freien Theaters die Oase der Planungssicherheit, die feste Engagements in Stadttheatern immer noch bedeuten. Die Freiheit, sich seine Themen aussuchen zu können, wollen Janin Roeder und Adriana Kocijan aber noch weniger missen. Mehr Unterstützung für die freie Kulturszene wünschen sich die Wahlessenerinnen von der Kulturhauptstadt 2010 aber schon. "Ein Königreich für einen eigenen Proberaum", sagt Janin Roeder mit Edith-Piaf-schem Überschwang.

Ohnehin scheint die Sängerin, die auch mit dem "Sonnenscheynquartett" in Swing-Gefilden unterwegs ist, bei Cantadoras arbeitsteilig auf große Gefühle gebucht. Bei unserem Gespräch im Cafe´ Central im Grillo Theater, wo Cantadoras am Sonntag eine szenische Lesung hält (siehe Infokasten), ist Janin Roeder diejenige, die am heftigsten gestikuliert, die mit den Händen in der Luft nach Formulierungen ringt. Und wenn die 40-Jährige sagt "Ich bin froh, dass wir durchgehalten haben", dann lässt sie auch ihren Körper diese Erleichterung aussprechen, indem sie ihn in die Stuhllehne fallen lässt.

Anders Adriana Kocijan. Vielleicht, weil sie als Tänzerin und Pantomimin gelernt hat, mit ihren Kräften ökonomisch umzugehen. Vielleicht, weil es ihrem Naturell entspricht, das nur einen Augenaufschlag benötigt, um von ruhig auf impulsiv umzuschalten. "Warum soll ich mich unnötig bewegen?", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Zum Thema der Lesung am Sonntag bemerkt sie trocken: "Wir begegnen unserem eigenen Tod ja nicht, warum sollen wir uns davor fürchten?" Und im besten Falle bleiben die Wege des Lebens ohnehin unergründlich.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S,
erschienen in der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung vom 3. April 2008
Foto: Cantadoras

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