Sonntag, 7. März 2010

Richard Rogler im Interview

„Ich bin jetzt wieder das Bühnentier“

Essen. Richard Rogler hüllt seine Worte gern in Rauch. In Zigarettenrauch. Dies aber nur Abseits der Bühne. Auf den Brettern die den gewitzten Zorn bedeuten, ist Deutschlands meist gerühmter, respektierter und ausgezeichneter Kabarettist ein Mann der klaren Worte. Und das seit 30 Jahren. Richard Rogler ist aber auch der Zauberer, der mit kleinen Gesten eine Welt auf der Bühne zaubern kann, etwa wenn er mitten im rasenden Monolog seinen Kopf dreht und fragt: „Stimmt’s Rogler?“ Die NRZ sprach mit dem mittlerweile 60-jährigen Wahlkölner über die Angst in der Gesellschaft und der Kunst sowie über sein Leben als Ikone des deutschen Kabaretts. Ein, wegen des dichten blauen Dunstes, für den Interviewer tränenreiches Gespräch.

Ich muss Sie nicht kniend befragen, oder Herr Rogler?

Um Gottes Willen, warum?

Es gibt Journalisten-Kollegen, die nennen Sie eine Ikone des Deutschen Kabaretts. Irritieren Sie solche Charakterisierungen?

Stellen Sie sich vor, manche nennen mich gar einen Altmeister oder das Urgestein des Kabaretts. Das stört mich überhaupt nicht. Da muss ich durch. Und eigentlich bin ich ja ganz zufrieden, wenn ich so auf meine Biografie zurückblicke.

Und wie haben Sie die ganzen Lobpreisungen zu Ihrem 60. Geburtstag ausgehalten?

Ach, hätten ruhig mehr sein können (lacht). Die liebsten Würdigungen waren mir natürlich die ganzen Preise, die ich im Lauf der Jahre bekommen habe. Dadurch wusste ich, dass ich nicht ganz falsch liege. Es gab schließlich auch Zeiten, in den ich nicht sicher war, ob das alles was wird, mit mir und der Bühne. Oder ob ich davon eine Familie ernähren kann. Ich hätte ja auch eingehen können, mit einer Arbeit.

Eine Angst, die man als Künstler nie ganz los wird...

...nein, niemals. Man denkt immer, morgen will einen keiner mehr. Es gibt nichts Traurigeres als den Anblick von Künstlern, die in der unteren Mittellage herumkrebsen. Dann wird unser Beruf grausam. Hätte mich niemand sehen und hören wollen, dann hätte ich halt ein Milchgeschäft oder eine Kneipe aufgemacht.

Fast wären Sie aber Lehrer geworden. Belehrend wirken Ihre Programme trotzdem nicht.

Kabarett darf alles sein, nur nicht lehrend. Im besten Falle ist es analytisch und gleichzeitig unterhaltsam. Engagiert sein ist auch erlaubt.

Zurückblickend auf über 8000 Auftritte im ganzen Land: Glauben Sie etwas in der Gesellschaft bewirkt zu haben?

Ich glaube schon, vor allem im Bewusstsein der Menschen. Das habe ich aber nicht allein gemacht. Jeder von uns ist nur ein kleiner Teil einer Künstlerfamilie, die die Realität nicht von der Kunst trennt. Auch nicht von der Realität der berühmten kleinen Leute.

Oje, und wie schützen Sie sich da vor Desillusionierung?

Indem ich selbst meinen Humor nicht verliere (lacht).

Sie nennen Ihr aktuelles Programm schlicht „Stimmung“. Wie ihre Gemütszustand gerade?

Meine Stimmung ist komplett gelöst! Aber so was von entspannt. Mir ist das Programm gelungen und da ich nicht mehr viel Fernsehen mache, konzentriere ich mich zu 95 Prozent auf die Bühne. Nun kann ich ständig die Nummern renovieren, anpassen und aktualisieren. Ich bin jetzt wieder das Bühnetier.

Sie spielen ohnehin leidenschaftlich gern den Empörten, den Grantler...

...und manchmal den Erstaunten. Ich schreibe nur Stücke über Dinge, über die ich mich echt noch aufregen kann.

Überraschenderweise scheint die Stimmung bei uns Deutschen derzeit besser als die Lage zu sein.

Das täuscht ein wenig. Die Leute haben Angst, dass in Wirklichkeit die Probleme doch noch größer werden. Diese Angst wollen sie nicht an sich heran lassen, eine natürliche Selbstschutzfunktion. Bei den Menschen, die auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind, bei denen herrscht jedenfalls keine gute Stimmung.

Konnten Sie über die Äußerungen Guido Westerwelles lachen, der im Zusammenhang von Hartz IV von einer „spätrömischen Dekadenz“ sprach?

Da konnte ich überhaupt nicht lachen. Das Miese an der Politik und an Westerwelle ist, dass sie den Neid auf das untere Drittel der Gesellschaft schüren. 90 Prozent der Hartz-IV-Empfänger würden aber gerne arbeiten. Traurig genug, dies überhaupt feststellen zu müssen. Wenn Westerwelle aber wirklich so viel Ahnung von Wirtschaft hat (pickst immer schneller werdend mit dem Zeigefinger Löcher in die Luft), wie er gerne tut, dann soll er den Menschen Arbeit zum vernünftigen Lohn anbieten und sie nicht als Faulenzer diffamieren.

Sie regen sich ja wirklich auf?

Ich könnte platzen. Aber mein Auftritt kommt ja später.

Text: Nikolaos Georgakis,
erschienen in der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) vom 4. März 2010
Fotos: Gerald Kasten
Link: Richard Roglers Homepage

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