Montag, 8. März 2010

Griechenland und der Euro

Wie ich wieder zum Griechen wurde

Ein Fingerzeig genügt, und schon bin ich Grieche. Wieder Grieche, muss es heißen. Denn bis zu dem Tag, an dem der "Focus" den Hellenen den Stinkefinger vom Titelblatt entgegenstreckte, war ich sicher, Deutscher zu sein. Nun werde ich ständig gefragt, ob ich mich getroffen fühle.


Eigentlich eine merkwürdige Frage für einen, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Aber zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist immer genügend Platz für Verletzungen. Oder, wie einmal ein Taxifahrer zu mir sagte: "Deutscher? Sie? Haben Sie mal in den Spiegel gesehen?" Der griechische Nobelpreisträger Giorgos Seferis dichtete einst: "Den Freund, den Feind - wir sahen ihn im Spiegel." Ich sehe da den Deutschen und den Griechen. Und die beiden verstehen sich in diesen Tagen nicht sonderlich gut. Schließlich geht's ums Geld, da hört bekanntlich die Freundschaft auf.

Arroganz der Ohnmächtigen

Natürlich verletzt mich die Überheblichkeit des mächtigen Deutschlands, die sich in Sätzen äußert wie: "Früher haben uns die Griechen die Weisheit gelehrt, heute leeren sie uns die Kassen." Es ist dieser der Dramatik der Situation völlig unangemessene Tonfall, der mich stört. Merken die Deutschen das nicht? Ich, der ich mich doch für einen Deutschen gehalten habe, kann plötzlich verstehen, dass sich die Griechen nun mit einem altbekannten Kalauer revanchieren: "Als wir die Akropolis gebaut haben, schliefen die Germanen auf den Bäumen." Der Grieche in mir weiß, wie sich die Arroganz des Ohnmächtigen anfühlt.

All das zeigt: Es geht um Befindlichkeiten, nicht um Fakten. Griechenland ist derart überschuldet, dass das kleine Mittelmeerland auf die Solidarität seiner europäischen Nachbarn angewiesen ist. Auf jene Solidarität, die es allzu oft missbraucht hat. Keiner sagt das den Hellenen in diesen Tagen so deutlich wie der Ministerpräsident des Landes selbst: "Wir sind korrupt, ineffizient und haben lange Jahre über unsere Verhältnisse gelebt."

Noch drastischer fällt die Selbstkritik aus, wenn ich mit meinen griechischen Freunden spreche. "Wir sollten uns deutsche Technokraten in die Regierung holen und unsere Politiker an den Strand zum Wassermelonenverkaufen schicken", sagen sie dann. Oder: "Wir machen uns selbst zum Clown des Balkans, wenn wir jetzt den beleidigten Dieb spielen." Das kann man so stehen lassen. Da bedarf es nicht noch der Belehrung vom deutschen Oberlehrer.

Text und Foto: Nikolaos Georgakis,
erschienen in der "Welt am Sonntag" (NRW-Teil) vom 7. März 2010

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