Montag, 12. April 2010

„Die Sterne“ verschreiben sich mit „24/7“ dem Disco-Sound


Düsseldorf/Köln. Glaubt man den Sternen, spiegeln Disco-Kugeln auch das Licht der Gesellschaftskritik wider. Unerhört, möchte man meinen, denn die Hamburger Indie-Rocker der mittlerweile zum Trio geschrumpften Gruppe „Die Sterne“ haben ihre Gitarren beiseite gelegt und sich mit ihrem neuen und gleichzeitig neunten Album „24/7“ Disco-Sounds verschrieben. Inmitten der Aufnahmen dazu verließ Richard von der Schulenburg wegen, wie es offiziellen heißt, „künstlerischer Differenzen“ die Band. NRZ-Mitarbeiter Nikolaos Georgakis sprach mit dem Sterne-Sänger Frank Spilker, der auch diesmal nicht anders konnte: Er denkt, singt und redet in gesellschaftlichen Zusammenhängen – selbst wenn es ums Tanzen geht.

In unserer modernen Arbeitswelt ist auffallend oft vom Burn-out-Syndrom die Rede, vom Gefühl der völligen seelischen und körperlichen Erschöpfung. Wie ausgebrannt waren „Die Sterne“, als sie sich ins Studio begaben?

Frank Spilker: Vom persönlichen Erleben her ist zumindest mir das Thema des Sich-ausgebrannt-Fühlens fremd. Wir haben uns dem Thema weniger aus persönlicher als vielmehr aus gesellschaftspolitischer Perspektive genähert...

...besonders im Song „Convenience Shop“, was so viel wie Nachbarschaftsladen bedeutet.

Spilker: Genau. Darin geht es um das Gefühl des Versklavt-Seins, um die Erwartungen des Erwerbsbetriebs, dass wir alle ständige verfügbar sein müssen. Das ist ein bisschen was anderes als ein Burn-out, aber doch ein verwandtes Thema. Ich beobachte das bei meinen Bekannten, die sich kaum trauen in den Urlaub zu fahren, weil ihnen ein Job oder ein Auftrag entgehen könnte. Gleichzeitig wissen sie, dass es ganz schädlich ist, das nicht zu tun. Der Freiberufler etwa hat keine Gewerkschaft hinter sich, die sich darum kümmert, dass er einmal die Gelegenheit bekommt abzuschalten und somit geistig und psychisch zu regenerieren.

Und Sie behaupten wirklich, dass Sie keinen Soundtrack für die Ausgebrannten dieser Welt geschrieben haben.

Spilker: Mir geht es vielmehr um Würde. Wer ständig verfügbar sein muss, verliert irgendwann auch seine Würde. Die eigene Würde ist aber etwas, das man unbedingt verteidigen und wofür man kämpfen sollte. Was wir sehen, ist die zunehmende Selbstversklavung des Menschen durch die Heilige Kuh Dienstleistungsgesellschaft. Das Ziel unseres Wirtschaftssystems ist ja nicht Vollbeschäftigung, sondern Effizienzsteigerung.


Gleichwohl singen Sie in ihrem Song „Depressionen aus der Hölle“ die Zeilen: „Wohin mit meinen Depressionen“, um die überraschend triviale Antwort „Disco“ zu geben.

Spilker: Das liegt daran, dass wir das Thema Disco anders angehen. Die Disco wird immer mit Hedonismus und Feiern gleichgesetzt, also einem eher konservativen, angepassten Lebensstil in Verbindung gebracht. Da ist der Tanzfilm „Saturday Night Fever“ aus den 70er Jahren, indem sich der angepasste John Travolta als Tony Manero am Wochenende austobt. Hier schimmert noch die glitzernde Oberfläche des Kapitalismus.

Und Sie haben die Disco als Ort des Widerstands entdeckt?

Spilker: Nicht des Widerstands, aber doch des Kräftesammelns. Es ist kein Zufall, dass etwa die schwule Subkultur in der Disco-Szene der früheren 80er Jahre ein Ventil fand, um die Repressionen der vermeintlich normalen Gesellschaft ertragen zu können. Das ist eine Art von Disco, die uns näher liegt.

Kräftesammeln? Wofür? Um am nächsten Tag wieder fit im Büro oder am Fließband zu erscheinen?

Spilker: Eine Möglichkeit beim Tanzen ist die Flucht vor der Realität. Die andere Möglichkeit ist aber die des Gemeinschaftserlebnisses. Das muss nicht mit dem Ausblenden von Realität zusammenhängen. Es geht darum, sich gegenseitig zu bestärken. Ich rede von einem Gefühl, ähnlich wie es einige Menschen beim gemeinsamen Gang in die Kirche empfinden. Und wenn die Musik die richtigen Themen, gar die Realitätsflucht selbst thematisiert, funktioniert es mit dem Ausblenden auch nicht. Das ist auch ein Grund, warum wir auf deutsch singen.

Der Philosoph und große Pop-Musik-Hasser Theodor W. Adorno hat alle Versuche, politischen Protest mit der Unterhaltungsmusik zusammenzubringen, als untauglich bezeichnet. Es sei schlichtweg nicht zu ertragen, weil diese Versuche das Entsetzliche noch konsumierbar machen.

Spilker: Niemand hat die Kraft, alleine die Verhältnisse zu ändern und muss am nächsten Tag wieder in seinen Job zurück. Selbstverständlich, ja. Man muss aber die Unzufriedenheit und den Unmut darüber in jedem Fall befeuern. Über Musik kann man den Menschen eine Stimme geben und ihnen zeigen, dass wir eine starke Macht sind – auch wenn wir nicht Regierungsmacht haben. Dafür ist dann auch das Konzert oder die Disco da. Orte die das Gemeinschaftsgefühl und ihren Kampfgeist stärken.

Disco repräsentiert doch längst keine Gegen- oder Protestkultur mehr, sondern ist Massenkompatibel, fast schon ein Schimpfwort.

Spilker: Nicht für uns. Natürlich gibt es einen Mec

hanismus, mit dem sich Elemente der Subkultur aneignen lassen, um sie für den Mainstream kompatibel zu machen. Dagegen kann man sich nicht wehren Der natürliche Reflex ist immer noch, diesen Begriff, der eigentlichen komplett unmöglich geworden ist, zu umschiffen; wir haben es bewusst nicht getan. Wir benutzen das Wort Disco im ursprünglichen Sinn...

...und heben dabei die Grenzen zwischen Band und Mischpult auf.

Spilker: Ist tatsächlich so, ja. Ich mache seit 18 Jahren Platten und meine Wahrnehmung ist, dass es immer selbstverständlicher wird, Elektronik im Bereich der Aufnahme und der Produktion einzusetzen, ohne das es überhaupt noch richtig realisiert wird. Umgekehrt arbeiten immer mehr Produzenten aus dem elektronischen Bereich mit Musikern zusammen, um möglichst akustisch zu klingen.

Und so kommt auch der Großteil ihres Live-Programms auch ohne Gitarren aus. Man könnte meinen, es liege daran, dass Sie endlich einmal auf der Bühne tanzen wollten.

Spilker: Es tut mir leid, aber es ist so. Ich klebe nun nicht mehr am Mikrophon und kann mich endlich bewegen. Es ist doch sehr angenehm, wenn bei eineinhalb Stunden Konzert nicht alle immer am gleichen Fleck stehen. Aber es gibt noch ausreichend Gitarre auf der Bühne.

Sind deshalb auch ihre Gesangstexte kürzer geworden, weil Tanzen und gleichzeitig Singen schwieriger ist?

Spilker: (Lacht) Es wäre schön, wenn ich so vorausschauend wäre. Aber im Ernst: Ich führe ich ja keine Choreographien auf. Und Madonna bin ich auch nicht. Ich mag jedoch das Reduzierte. Texte werde durch Reduktion nicht automatisch unwichtiger.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S,
erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) vom 13. April 2010
Fotos: Materie Records
Link zu den Sternen: www.diesterne.de


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