Donnerstag, 6. Mai 2010

Griechenland im Schockzustand

Nach den Krawallen von Athen mit drei Toten fürchten sich die Griechen vor dem, was noch kommen könnte

Die Tragödie mit drei Toten ereignet sich gegen 13.30 Uhr: Durch die Athener Innenstadt ziehen Zehntausende Demonstranten, um ihren Unmut gegen die drastischen Sparmaßnahmen ihrer Regierung kundzutun, als plötzlich Molotow-Cocktails durch die Fensterscheiben einer Bank fliegen. Einigen Angestellten des Geldinstituts gelingt die Flucht; anderen, die in oberen Räumen arbeiten, ist kurze Zeit darauf durch die Flammen im Untergeschoss der einzige Fluchtweg versperrt. Auch die Feuerwehr gelangt nicht zu ihnen durch, weil sogenannte Anarchisten unter den Demonstranten ihr den Weg versperren und die Rettungskräfte mit Steinen bewerfen. Den um Hilfe rufenden Bankangestellten auf den Balkonen des brennenden Hauses sollen laut Augenzeugenberichten die vermummten Krawallmacher spöttisch zugerufen haben: „Ihr Geldsäcke, verbrennt in euren Palästen.“

Erinnerung an den Dezember 2008

Nachdem die Polizei mit Mühe und Tränengas die Randalierer auseinandergetrieben hat, birgt die Feuerwehr drei Tote. Zwei Frauen – eine von ihnen im vierten Monat schwanger – und einen Mann. Sieben Angestellte können gerettet werden. Sofort nach diesem Unglück setzen die Journalisten des Landes ihren Streik aus und beginnen aufgrund der dramatischen Ereignisse mit der Berichterstattung. Stunden zuvor waren lediglich einzelne Radiostationen, die britische BBC oder Internetblogs wie „Troktiko“ die wenigen Informationsquellen für die Hellenen.

Das Land wirkt wie geschockt, fühlt sich an die Unruhen vom Dezember 2008 erinnert, als nach der Tötung eines Jugendlichen durch den Schuss eines Polizisten die Geschäfte und Häuser in der Innenstadt Athens in Flammen standen. Bis auf die Autonomen scheint aber niemand zu wollen, dass sich diese Bilder wiederholen. Aber die Szenen gleichen sich doch. Und alle fürchten sich vor dem, was noch kommen könnte.

Wut und Privilegien

„Es ist eine Schande für das ganze Land, was heute hier passiert“, sagt der Doktorand Stavros Mavrogenis. Natürlich verstehe er die Verzweiflung, die sich bei der griechischen Bevölkerung aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise breit mache. Die Krawalle der radikalen Autonomen nennt Mavrogenis aber schlichtweg ein „Verbrechen“. So wie er scheinen auch andere Demonstranten zu denken, die mit Protestschildern Autonome aus ihrer Reihen vertreiben.

Völlig konfus wirkt die Situation, als ein Zug den anderen auspfeift. Die Geschmähten sind die Angestellten des griechischen Parlaments, die bislang 16 Monatsgehälter bezogen. Die für viele Bürger harten Sparmaßnahmen, die Premierminister Giorgos Papan-dreou heute im Abgeordnetenhaus beschließen lassen will, sehen eine Streichung des 13. und 14. Gehalts vor. Das 15. und 16. bleibt. Die Wut auf solche Privilegien wächst.

Auch Antonis Kourotakis ist wütend. Und er sagt: „Meine Unzufriedenheit spiegelt sich aber nicht in dieser Art des Protestes wider.“ Die öffentliche und die veröffentlichte Meinung fordert in den vergangenen Wochen immer lauter und vehementer, endlich die wahren Schuldigen zu bestrafen und nicht das ganze griechische Volk. Dem jungen Anwalt Kourotakis fällt dazu nur ein: „Diejenigen, die jetzt am lautesten und gewalttätigsten demonstrieren, sind die ersten, die ihre Mentalität ändern müssen.“ Jeder einzelne Grieche trage eine Mitschuld an der desolaten Lage des Mittelmeerlandes.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) vom 6. Mai 2010

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