Donnerstag, 24. Juni 2010

Richard Ashcroft in Köln

Unwiderstehliche Dreistigkeiten
Der musikalische Tausendsassa Richard Ashcroft fing mit Verspätung an, begeisterte dann aber sein Publikum in der Kölner Music Hall
Köln. Englische Popstars pflegen ein leidenschaftliches Verhältnis zum Fußball. Aber wegen eines Spiels ihrer Nationalmannschaft gleich ein Konzert verschieben, diese Chuzpe hatten - soweit bekannt - noch nicht einmal die Rüpel-Gallagher-Brüder der Gruppe Oasis. Richard Ashcroft schon. Der begnadete Songschreiber und musikalische Tausendsassa setzte wegen des ersten Englandspiels bei der Weltmeisterschaft in Südafrika sein spontan angesetztes Konzert in der Kölner Live Music Hall kurzfristig zwei Stunden später an.

Freistoß verwandelt

Statt um 20 Uhr betrat also Ashcroft am Samstag ohne große Gesten oder Lichteffekte die Bühne um Viertel nach zehn. Und um beim Fußball zu bleiben: Der Frontmann der Band The Verve verwandelte gleich den ersten Freistoß. Sein Eröffnungssong (“Are you ready?“) aus seinem erst im Juli erscheinenden vierten Solo-Album saß.

Seine Fans scheinen bereit zu sein für den satteren, direkteren, ja ungestüm nach vorne preschenden Wah-Gitarrensound. Nur die Soundanlage war es nicht.Beim zweiten Lied flog erst einmal die Sicherung raus. Eine Art Verletzungspause, die der hagere Barde nutzte, um sich „für das grottenschlechte Gekicke unserer Fußballmannschaft“ zu entschuldigen. Sein Bassist schien jedoch über das 1:1 gegen die USA mehr erfreut zu sein, stammt er doch, wie die gesamte vierköpfige Gruppe an der Seite des Britpop-Genies, aus den Vereinigten Staaten. Ashcroft hat seine Band kurzerhand „The United Nations Of Sound“ getauft.

Dieser Hippie-Gedanke von einer vereinigten Welt ist die Konstante im Schaffen des von Musikerkollegen anerkennend „Captain Rock“ apostrophierten Ashcroft. Egal ob Folk-, Country- oder John-Lee-Hooker-Einflüsse, die aufwändig aber cool daher kommenden urbanen Hymnen versprühen den Charme der unwiderstehlichen Dreistigkeit namens Leben. Einer Chuzpe eben, der Ashcroft an den richtigen Stellen eine gehörige Portion Pathos erlaubt. Sich selbst genehmigt er, seinen allergrößten Hit „Bitter Sweet Symphonie“ nicht mehr spielen zu müssen.

Songs for lovers

Alte Lieder wie „Lucky Man“ oder „Song for Lovers“ gab es trotzdem, unnachahmlich an der Akustik-Gitarre dargeboten und vom Publikum umjubelt. Zwölf Minuten vor Mitternacht war dann Schluss mit Ashcroft. Sein euphorisiertes Publikum peitschte er mit einer sich ins Hardrockige steigernden Version von „Let’s break the night with colour“ in die Nacht.

Vom Fußball sprach da keiner mehr, von Liedern, die einem das Bett voller Zweifel wärmen, schon.

Text und Foto: Nikolaos G e o r g a k i s,
erschienen in der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ)
vom 14. Juni 2010
Link: Video zur aktuellen Single "Are you Ready"

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