Dienstag, 8. Juni 2010

Lady Gaga auf dem "Monster Ball"

Spektakulärer Blödsinn
Lady Gaga, die Hohepriesterin der Freaks, feiert in der nicht ganz ausverkauften Arena Oberhausen einen „Monster Ball“

Oberhausen. Lady Gaga ist nur ein Schatten ihrer selbst, als ihr Konzert am Montagabend in Oberhausen beginnt. Denn kaum ist das Licht in der nicht ganz ausverkauften Arena aus, fällt der Vorhang. Willkommen im Universum der Super-Freaks und ihrer Hohepriesterin Stefani Germanotta. Als Lady Gaga ist sie, wie gesagt, im ersten Lied lediglich als dunkle Schattierung auf dem weißen Schleier zu erkennen, der sich mit den ersten Tönen über den dunklen Vorhang gelegt hat. Selbst wenn sie dabei an Nosferatu erinnert, folgt keine Symphonie des Grauens. Denn eins lässt sich gleich vorweg klarstellen: Die Lady pflegt zwar eine eher unkonventionelle Garderobe, aber singen, das kann sie.

Und schimpfen wie ein Kesselflicker kann sie auch. Sogar auf Deutsch. Wer auch immer ihr das Wort „Scheiße“ beigebracht hat, er dürfte es bereut haben. Die 24-Jährige benutzt diesen Ausdruck so oft, dass einem unweigerlich nur eine Diagnose in den Sinn kommt: Tourette-Syndrom!

Funkensprühender Büstenhalter


Tatsächlich aber bricht aus dieser Frau nichts unkontrolliert heraus. Die Show ist aufwändig und perfekt inszeniert. Jede Laufmasche, jedes ekstatisch delirierende Glucksen und jeder Griff in den Schritt ist genau gesetzt. Lady Gaga führt ein Kostüm nach dem anderen vor und feuert auf der mit 30 Lastwagen angekarrten Bühne einen Knaller nach dem anderen ab – bis irgendwann aus dem Büstenhalter des singenden Gesamtkunstwerks die Funken wie bei Wunderkerzen sprühen.

Trotzdem will das Publikum nicht sofort Feuer fangen. Vor allem nicht in den Rängen. Die 9000 „kleinen Monster“, wie Lady Gaga ihre Fans passend zum Tour-Titel „Monster Ball“ anspricht kommen nur langsam in Fahrt, zappeln erst wie ihre Vorturnerin, als Hits wie „Just Dance“, „Pokerface“ oder „Paparazzi“ und „Bad Romance“ gespielt werden. Hat sie das Publikum zum Tanzen gebracht, kühlt die Stimmung wegen der Umbau- und Umziehpause wieder ab. Über weite Strecken gelingt es ihr, die Kunstpausen mit Showelementen in einer Mischung aus „Rocky Horror Picture Show “ und „West Side Story“ opulent zu überspielen oder von ihren tanzenden Unterwäschemodels weghüpfen zu lassen. Gerade im furiosen Finale wirkt die Unterbrechung jedoch wie ein Liebestöter.

Mit dem Fuß am Klavier

Ihre treusten Fans – laut Lady Gaga „die schwulen Jungs aus Deutschland“ – werden es ihr nachsehen. Und die Legion der Teenager-Mädchen wird sich eher mit Zahnspangen auf die Zunge beißen, bevor sie ein kritisches Wort über die Gaga verlieren. Als Dank dafür bekommen sie einige Predigten zu hören: Wie etwa: „Geht euren eigenen Weg.“ Oder: „Respektiert eure Eltern.“ Folgerichtig widmete sie die Ballade „Speechless“ ihrem Vater, die sie einhändig und mit dem rechten Fuß am brennenden Klavier klimpert.

Es bleibt dabei: Die Welt, sie will betrogen sein. Und aufwändig verpackt, auf dass sich der Blick wieder an Rätseln bricht, die längst keine mehr sind. Lady Gaga tütet die Pop-Welt in eine künstliche Wolke voller skurriler Illusionen ein – und vollbringt dabei das Kunststück, als authentisch wahrgenommen zu werden. Auf dem Boden liegend haucht sie ins Mikro: „Es gibt nur eine Sache, die ich mehr hasse als Geld: die Wahrheit. Ich brauche jeden Tag eine Tüte Bullshit.“

Der Blödsinn, den sie in Oberhausen abgeliefert hat, war spektakulär.

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S, erschienen in:
Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung (NRZ) vom 26. März 2010

Link: Homepage von Lady Gaga

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