Montag, 7. Juni 2010

Kulturhauptstadt Ruhr.2010

"Woanders
ist auch scheiße!"

Über die Ruhris und Ihre Eigenheiten


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Als im Zuge der Industrialisierung und dann des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Arbeiter aus dem In- und Ausland kamen, bildete stets Arbeit die identitätsstiftende Kraft. Später kam der Fußball hinzu, der bis heute Identitäten in der Region kleinteilig organisiert und abbildet. „Man war in erster Linie Kruppianer und dann Pole oder Deutscher“, behauptet ein Nachbar von mir, der im Alter schon mal sein sprachliches Feingefühl verliert und beim großen Passantengewusel an verkaufsoffenen Sonntagen von einem „Polackenrennen“ spricht.

Dieses Durcheinander der Herkünfte provoziert auf individueller Ebene eine relative Unbefangenheit im Umgang mit Hinzugezogenen – selbst wenn sie wie ich einen doppelten Migrationshintergrund mitbringen: Meine Eltern stammen aus Griechenland, ich selbst aus dem Rhein-Main-Gebiet. Einige Zeit habe ich sogar in Köln studiert. Erst die Liebe zu meiner Frau brachte mich ins Ruhrgebiet.

Bewusst oder unbewusst – irgendeiner bastelt im Ruhrgebiet immer an Identität. Dieses Arbeiten am eigenen Mythos, am Selbst-Verständnis, hat den Lokalpatriotismus der Ruhris so durchlässig gemacht, dass sie selbst darüber lachen können. Der Bochumer Kabarettist Frank Goosen etwa verkauft seine Liebeserklärung an die Region „Woanders ist auch scheiße!“ im Kulturhauptstadtjahr auf T-Shirts gedruckt. In Köln, wo kein Narr über sich selbst lachen kann, müsste er dafür wegen Hochverrats mit diesen Leibchen einsturzgefährdete, undichte U-Bahn-Baustellen trocken tupfen und dabei „Dat Wasser von Kölle is jut“ singen.

Endlich so wie überall?

Bisweilen wartet man jedoch vergeblich, dass sich Klischees bestätigen. Das gilt übrigens auch für Stereotype wie die vom ruppigen, aber offenherzigen Revierkumpel. Wenn mir das Warten in solchen Fällen zu lang dauert, erinnere ich mich gern an den Titel einer Ausstellung mehrerer Fotokünstler im Folkwang-Museum vor 23 Jahren. „Endlich so wie überall?“ war die Schau mit dokumentarischen Fotografien aus dem Alltag der Menschen im Ruhrgebiet der 80er-Jahre überschrieben. Im Vorwort des dazugehörigen Katalogs notiert Paul Vogt: „… das Bekannte, die Klischees werden vorausgesetzt.“

Oder ich denke an Günni. Als der Bänkelsänger 2004 mit 73 Jahren und einsam in seiner Essener Wohnung starb, spendeten Künstler der Stadt dem „Ruhrgebietsthekenschreck mit der Quetschkommode“ ein Denkmal aus Bronze. Es steht noch heute, ganz in der Nähe des Cafés De Prins. In einem Biergarten.

Nikolaos Georgakis ist Journalist, in Essen verwurzelt und beschreibt sich als „Ruhri mit doppeltem Migrationshintergrund“ – griechische Eltern, in Hessen geboren. Bekannt wurde er 2007 mit der NRZ-Serie „Heiraten für Anfänger“.


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Text: Nikolaos G e o r g a k i s,
erschienen in der vorwärts-Ausgabe Mai 2010
Foto: Nikolaos G e o r g a k i s

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