Montag, 7. Juni 2010

Kulturhauptstadt Ruhr.2010

"Woanders
ist auch scheiße!"
Über die „Ruhris“ und ihre Eigenheiten

Klischees warten beharrlich auf ihre Bestätigung. Und manchmal sitzen sie, mittags bereits ihr drittes Bier trinkend, neben einem am Tresen. Es waren meine ersten Gehversuche im Ruhrgebiet, die mich direkt ins Café De Prins führten. Es hieß, ich könne hier auf Spurenelemente studentischen Lebens in Essen treffen. Stattdessen traf ich Günni.


Günni war der erste Mensch im Ruhrgebiet, der einen vollständigen Satz an mich richtete, und der lautete: „Was willst du Penner überhaupt!?“ Natürlich hatte ich mir ein Bild von der Region gemacht – noch bevor ich sie mit eigenen Augen gesehen hatte.

Mein Reiseführer hatte mir die Warnung mit auf den Weg gegeben, dass der Ruhri seine deftige Sprache pflegt wie der Bergmann seine Zuchttauben. Dass mich
jedoch ein älterer Herr namens Günni derart anraunzt, nur weil ich ihm höflich das Geld hinhalte, das ihm beim Bezahlen aus der Tasche gefallen ist, diese Situation übertraf meine exotischsten Vorstellungen.

Geld für Günnis Zylinder

Möglicherweise bewahrten mich meine angelesenen Vorurteile vor einer posttraumatischen Belastungsstörung. Monate später erfuhr ich jedenfalls, dass Günni in Wahrheit Günter Semmler hieß und als eine Art inoffizielles Stadtmaskottchen fungierte, als „Original“. Und zwar als eines, das Nacht für Nacht durch die Kaschemmen zog, um die Gäste mit seinem „Container-Lied“ auf dem Akkordeon zu malträtieren. Warf man Geld in Günnis Zylinder, hörte er zu singen auf.

Über das Ruhrgebiet sprechen heißt auf Klischee-Klippen zusteuern; es geht dabei stets um Industrieromantik, um Abziehbilder, die solange auf der Netzhaut kleben, bis sie selbst nach dem Abziehen Bilder hinterlassen. Derzeit versucht sich die Region, mit Essen als Bannerträger vorneweg, in der Rolle der Europäischen Kulturhauptstadt. Die Macher der RUHR.2010 mühen sich, neue Bilder in die Welt zu schicken.

Hauptstadtkultur und Kulturhauptstadt

Es sollen Motive sein, die den klischierten Vorstellungen vom Kohlenpott widersprechen. Das Ruhrgebiet hat längst sein blaues Wunder erlebt: Die Schornsteine sind aus den Stadtzentren verschwunden, aus verwaisten Gasometern, Hüttenwerken und Maschinenhallen sind Konsum- und Musicaltempel geworden.

Doch so ein erzwungener Strukturwandel ist nicht immer unterhaltsam. Das Streichkonzert der Kämmerer in den hochverschuldeten Kommunen ist es auch nicht – vor allem nicht, wenn ihm etwa in Essen gleich drei bundesweit gefeierte Häuser wie die Aalto-Oper, die Philharmonie und das Grillo-Theater zum Opfer fallen. Und wer in Berlin aus dem ICE steigt, merkt schon auf dem Weg zum Ausgang des Bahnhofs den Unterschied zwischen Hauptstadtkultur und Kulturhauptstadt.

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