Donnerstag, 2. September 2010

Wir sind Helden: Interview mit Judith Holofernes

Köln. Die Plattenfirma hat Kekse aufgetischt. Müde taucht Judith Holofernes einen davon in ihr Wasserglas, um das trockene Gebäck aufzuweichen. „Du hast nichts gesehen“, sagt die Sängerin und Songschreiberin von Wir sind Helden mit vollem Mund, als sie die verwunderten Blicke ihres Gegenübers bemerkt. Die 33-Jährige ist mit dem Nachtzug von Berlin nach Köln gereist und hat noch nicht gefrühstückt. Es gilt für das vierte Album der Helden („Bring mich nach Hause“) zu werben. Nikolaos Georgakis hat mit der irritierend unverstellten Judith Holofernes über die Träume anderer Leute, Erschöpfungszustände und Gewaltfantasien gesprochen.


Wovon haben Sie letzte Nacht geträumt?

Holofernes: O je, man soll sich ja seine Träume merken, heißt es. Schade, ich kann mich immer nur an die auffälligen Träume erinnern.


Es fällt trotzdem auf, dass das Träumen in einigen Ihrer Lieder eine wichtige Rolle einnimmt.

Ich versuche tatsächlich, beim Schreiben traumähnliche Zustände zu erzeugen. Das ältere Stück „Echolot“ ist aus Träumen entstanden. Wenn große Veränderungen anstanden, tauchten jahrelang Haie aus der Tiefe auf. Haibiss, Walbiss, Riesenhaibiss. Nachdem ich das Lied geschrieben habe, sind die Haiträume weg. Das war wie beim Rumpelstilzchen: Sobald man es benennt, ist es weg.

„Die Träume anderer Leute“ scheinen Sie auch zu interessieren . . .

Ich glaube, viele Menschen verbringen einen großen Teil des Lebens damit, die Träume anderer Leute auszuführen.

Im neuen Album steckt viel Erschöpfung. Nach dem Hören möchte man Sie in den Arm nehmen . . .

. . . (lacht) als wir das Album den Leuten der Plattenfirma vorgespielt haben, drehten sich welche um, als wollten sie fragen: Geht es dir gut?

Und? Geht es Ihnen gut?

Ja, doch. Die Zeit, in der es mir so ging, liegt ja eineinhalb Jahre zurück. Davor waren wir in die Tournee gestartet, obwohl wir bereits von unseren Kräften her auf dem Zahnfleisch gingen. Und dann noch mit einem kleinen Kind. Irgendwo zwischen Band und Kind drohte ich verloren zu gehen, entwickelte Schlafstörungen. Ich bin Drogen nicht zugeneigt, aber wenn jemand gekommen wäre, der mir die richtigen Sachen angeboten hätte, ich weiß nicht, ob ich nicht zugegriffen hätte.

Letztlich war Ihr Gegengift aber . . .

. . . das Schreiben! Es ist für mich das probateste Fortbewegungsmittel nach Hause, zu einem inneren Zuhause.

Vor Zehntausenden Menschen auftreten, dann Windeln wechseln – geht das?

Das kriegt man nicht zusammen. Es kann mal lustig sein, mit den Stöpseln in den Ohren im Bus sein Baby zu stillen. Dann aber fühlt es sich grundfalsch an. Auf der letzten Tour habe ich das teilweise einfach nur noch als grausam empfunden. Du weißt, die Leute da draußen haben bezahlt, um dich spielen zu sehen und du denkst: Lebensabschnittsgemäßer wäre es, auf der Couch zu sitzen und eine Staffel von „Lost“ auf DVD ansehen.

Sie machen kein Geheimnis aus der Schwer-Vereinbarkeit von Muttersein und Popstar-Karriere.

Schon vor der Geburt unseres zweiten Kindes häuften sich die Einladungen zu Talkshows, in denen es genau um das Thema ging. Ich habe schnell durchschaut, dass man mir ein neues Image überstülpen wollte: das von der multifunktionalen Supermutti. Ich will nicht Teil einer Maschine sein, die jungen Eltern suggeriert, dass man das alles schaffen kann. Ich schaffe das nicht.

Deswegen der passive Titel eures Albums: „Bring mich nach Hause“?

Ich habe diese Platte von einem Ort aus geschrieben, an dem ich merkte, dass ich so nicht mehr alleine nach Hause finde. Es ist eine Stärke, wenn man erkennt, wann man Hilfe braucht. Stärke besteht nicht im Autarksein. Und Freunde sind da das beste Hilfsmittel.

In einem Lied wünschen Sie sich einen rabiaten Freund. Singen Sie da eigentlich „Schlag mich nieder“ oder „Schlag mich wieder“?

Kommt darauf an, welche Version Du gehört hast. Unser Produzent Ian Davenport . . .

. . . der kaum Deutsch spricht . . .

. . . hat sich nämlich verschnitten. In der ersten Version heißt es „Schlag mich wieder“, es muss aber heißen „Schlag mich nieder“.

Klingt nach Gewaltfantasie.

Es ist eine Gewaltfantasie! Aber eine aus einer spirituellen Warte heraus. Es geht um das Verlangen, zurück in die Stille zu wollen, in ein inneres Zuhause. Mit zwei Kindern und einem Vollzeitberuf ist eben nicht viel mit Stille und innerer Einkehr. Da habe ich manchmal das Gefühl, um zu dieser Stille zurückzukommen, bräuchte ich einen Schlag mit der Keule über den Hinterkopf. Damit endlich mal Ruhe ist.

* Wir sind Helden „Bring mich nach Hause“ (Four Music, erscheint am 27.8.)


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