Dienstag, 21. September 2010

Hennes Bender im Interview

„Wir regen uns zu wenig auf“

Mit Bluthochdruck gegen das Abstumpfen: Comedian Hennes Bender knöpft sich im neuen Programm auch Thilo Sarrazin vor

Essen. „Erregt!“ – so kennt ihn sein Publikum, so nennt der Bochumer Comedian Hennes Bender sein neues Programm, mit dem er am 8. und 9. Oktober im Stratmanns-Theater in Essen zu sehen ist. Damit geht das selbst ernannte HB-Männchen mal wieder wortgewaltig in die Luft und knöpft sich aus aktuellem Anlass den Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin vor. Der NRZ erzählte Bender, dass die Erregungsgesellschaft noch Luft nach oben hat.

Frage: Herr Bender, müssen wir uns Sorgen um Ihren Blutdruck machen?

Antwort: Nein, gar nicht. Diese ganze aggressive Energie, diese Comedy-Energie, die hebe ich mir für die Bühne abends auf. Es gibt Leute, die sind irritiert, wenn sie mich tagsüber erleben. Dann bekomme ich zu hören: „Hey, wieso bist du jetzt eigentlich so ruhig?“

Frage: Sie saßen mal mit mir im Zugrestaurant und...

Antwort: ...oh je, jetzt kommt’s, oder?

Frage: ...und da habe ich beobachtet, wie Ihnen jemand mit seinem Rucksack gegen den Kopf gehauen hat, ohne sich zu entschuldigen. Ich dachte: Jetzt flippt der Bender aus. Sind Sie aber gar nicht.

Antwort: (lacht) Es gibt schon mal Gelegenheiten, wo ich ausflippe oder wo ich mal ein bisschen lauter werde. Das ist aber nur ein Teilstück meiner Persönlichkeit, die ich wohl von meinem Vater geerbt habe. Mich darauf zu reduzieren wäre falsch. Aber wenn die Leute zu mir in die Show kommen, dann erwarten die natürlich den aufgeregten Bender. Auf der Bühne bin ich ganz der Wadenbeißer.

Frage: Es gibt Analytiker, die behaupten, wir würden in einer permanenten Erregungsgesellschaft leben.

Antwort: Das mit dieser Erregungsgesellschaft glaube ich nicht. Ich bin eher der Meinung, dass wir immer mehr abstumpfen. Wir regen uns doch gar nicht über die Sachen auf, über die es sich wirklich aufzuregen gilt. Da ist noch mächtig Erregungspotenzial nach oben. Ich glaube, es könnte viel mehr passieren, wenn die Leute entschlossener ihren Standpunkt einnehmen würden. Deshalb freue ich mich so über die Proteste gegen den Bahnhofsumbau in Stuttgart.

Frage: Haben Sie keine Angst, dass es irgendwann nur noch über Sie heißt: Das ist der, der sich immer nur aufregt?

Antwort: Die Gefahr ist da, klar, selbst wenn ich mich als Künstler gegen jegliche Art der Kategorisierung wehre. Aber irgendwie muss man sich ja auch verkaufen (lacht).

"Sarrazin tut mir irgendwie leid"

Frage: Was kaum einer von Ihnen weiß: Sie haben Ihre Magisterarbeit über die englische Komikertruppe Monty Python geschrieben. Profitieren Sie heute in der Praxis davon?

Antwort: Als Komiker kann man von Monty Python nur profitieren, was die generelle Herangehensweise an Humor angeht. Wenn ich die aktuelle Diskussion um Religion und Integration beobachte, kann ich nur sagen: Leute, schaut euch doch einfach einmal Monty Pythons Film „Das Leben des Brian“ an. Da ist alles drin, was zum Thema Religion, Fanatismus und Integration gesagt werden muss.

Frage: Das hieße, dass man über seine Religion lachen kann.

Antwort: Ja, genau das ist der Punkt. Wenn die Welt super werden soll, dann müssten diese Leute wie Thilo Sarrazin endlich aufhören, sich so wichtig zu nehmen. Womit wir ja schon wieder mitten in meinem Programm wären (lacht).

Frage: Die personifizierte Erregung öffentlichen Ärgernisses namens Sarrazin hat es also bereits in Ihr Programm geschafft?

Antwort: Das war eine Flanke, die ich umsetzen musste. Und irgendwie tut er mir auch leid. Er erinnert sogar ein bisschen an Jürgen von Manger, so mit seiner ganzen Art, also mit dem zugekniffenen Auge und wie er spricht, so fahrig wie er die Sachen auch vorträgt, denk’ ich immer: Thilo ist die perfekte Manger-Kopie.

Frage: Der Kabarettist von Manger klagte aber nicht über vermeintliche Denk- und Sprechverbote.

Antwort: Nee, das Denken haben jetzt andere für uns übernommen. Die Bild-Zeitung etwa. Da lese ich doch tatsächlich die Zeile: „Das denkt Deutschland wirklich!“ Da hab ich nur gedacht: Ach, Danke schön, dass das mal jemand schreibt. Ich dachte bislang nämlich, man müsse in diesem Land noch selbstständig denken.

Frage: Kann es sein, dass Ihr Blutdruck gerade steigt.

Antwort: Das waren ja auch genau die Fragen, die ich morgens brauche, ey, ich brauch’ hier keinen Kaffee mehr (lacht).

Das Gespräch führte Nikolaos G e o r g a k i s,
erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) vom 21. September 2010

Link:   Internetseite von Hennes Bender
Fotos: Heiko Neumann

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