Donnerstag, 2. September 2010

Wir sind Helden bringen ihr viertes Album ("Bring mich nach Hause") heraus

Baby Melancholie

Essen. Das Leiden der Seele kann durchaus etwas Vorzügliches sein. So war es schon bei Michelangelo, der die Melancholie als ein Quell kreativer Freude beschrieb, und so ist es auch auf dem vierten Album der Rock-Pop-Gruppe Wir sind Helden. Jede Menge Erschöpfung und Depressionsschübe hat Judith Holofernes, Sängerin und Songschreiberin der wahrscheinlich unprätentiösesten Erfolgsband der deutschen Musikszene, nach ihrer Babypause da hineingepackt.

Herausgekommen sind Lieder, die jede empfindsame Seele auf irgendeine Art und Weise berühren dürften – vor allem aber diejenigen, denen im alltäglichen Ringen um Anspruch und Wirklichkeit gelegentlich die Kraft auszugehen droht.

Generation Burn-out

Küchenpsychologisch be­trachtet klingt also die Platte mit dem Titel „Bring mich nach Hause“ (Columbia) wie der Soundtrack für die Generation „Ausgebrannt“. In den Zeilen der Judith Holofernes schwingt manches Unbehagen an der Moderne mit, ein diffuses Gefühl, ständig man selbst sein zu müssen. Das erschöpfte Helden-Selbst jedenfalls, das vor allem in den so wortwitzigen wie tiefgründigen Stücken des Albums („Alles“, „Bring mich nach Hause“ und „Flucht in Ketten“) zum Klingen gebracht wird, ist das eine. Dass man sich nach dem Hören dieser Songs voller dunkler Nacht nicht die Adern aufschneiden möchte, das andere. Das liegt an der Musik.

Die Helden sind in der Tat akustischer geworden, haben den Gesang etwas mehr in den Hintergrund gerückt, mit Percussions-Geräten experimentiert und es in den Liedern mit den Nummern zehn und elf („Kreis“ und „In den Augen des Sturms“) mit Schlagzeug und Gitarre so richtig krachen lassen.

Die beiden Stücke machen unbedingt Lust auf ein Livekonzert – zumindest aber darauf, sich die Erschöpfung vom Leib zu tanzen. Nur die „Ballade von Wolfgang und Brigitte“ missfällt, da sie wie ein ungewollt mitgehörtes Handytelefonat daher kommt. Ein einziger Ausfall von insgesamt zwölf Liedern ist aber ein recht heldenhaftes Ergebnis.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s,
erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) vom 2. September 2010
Foto: Four-Music/Columbia


  • Helden-Video zur Single "Alles"
  • Helden-Homepage
  • Helden unplugged auf 1live

Keine Kommentare: