Sonntag, 31. Oktober 2010

Interview: Selig reden gerne mit dem Universum

Essen. Nach zehnjähriger Pause legten Selig im vergangenen Jahr ein fulminantes Comeback hin. Und als wären nie irgendwelche Unstimmigkeiten unter Bandmitgliedern gewesen, setzt die Hamburger Rockband nun – keine 15 Monate nach ihrer Wiedervereinigung – noch eins drauf: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ heißt das neue und fünfte Selig-Album. Mit Jan Plewka, dem charismatischen Sänger und Texter der Gruppe, hat sich Nikolaos Georgakis über Ewigkeit und Begehren, Spiritualität und Lebensregeln, Stefan Raab und die neue Selig-Leichtigkeit unterhalten.
Man soll nicht aufhören, wenn es am seligsten ist, oder?
Plewka: Genau! Wir haben in der letzten Zeit viel Positives erlebt, im Studio, auf der Bühne, ausverkaufte Konzerte – all diese Energie, die mussten wir einfach schnellstmöglich in Musik packen. Und das hört man jetzt auf der neuen Platte. Das ist das Seligste aller Selig-Alben, ehrlich.
Was macht Selig auf der „Schweinerennbahn“, wie Sie das Musikgeschäft mal bezeichneten, jetzt anders als vor zehn Jahren?
Plewka: Zunächst war’s wichtig, dass wir vor unserer Wiedervereinigung fast ein Jahr lang geredet haben, um die alten Probleme auszuräumen. Erst dann sind wir ins Studio gegangen. Wir haben Grundregeln erschaffen, damit eine selige Welt funktionieren kann – geistig und körperlich. Wir leben und arbeiten heute viel bewusster. Damals war das alles wie ein Rausch, wir sind in Überschallgeschwindigkeit durch jede Wand geflogen, waren zum Schluss total schmerzbefreit, so fertig waren wir.
Was für Regeln sind das?
Plewka: Etwa die, dass wir eine Pause einlegen, wenn einer von uns fünf sagt: „Hey, ich kann nicht mehr.“ Oder das wir ab und zu eine Auszeit voneinander nehmen. Wenn wir zu fünft zusammen sind, dann sind wir Selig. Wenn wir auseinander sind, dann sind wir Privatpersonen. Vor unserer Trennung war das nicht so, da waren wir immer nur Selig, Selig, Selig . . . 
Wie sieht bei Jan Plewka eine selige Welt jenseits des Band-Kosmos aus?
Plewka:Im Idealfall wäre eine selige Welt voller Leichtigkeit, es würde mehr Zeit und Raum geben für ein harmonischeres Miteinander. Es würde mehr Respekt geben und es würde, was auch auf dieser Platte besungen wird, keinen Clown und keinen König geben, alle wären gleich. Unsere jetzige Welt ist schwerer geworden.
Ist es der neuen Selig-Leichtigkeit geschuldet, dass Sie bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest angetreten sind? Sie waren schon mal mit einer anderen Band („Tempeau“ im Jahr 2006) dabei.
Plewka: Ja, das war sehr lustig. Der Raab ist wirklich ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Dieser Bundesvision Song Contest ist wie ein modernes Kolosseum, eine riesige Arena, in der wir uns gerne über den Wettkampf den extra Adrenalinkick geholt haben.
Ihre vorletzte Platte trägt den Titel „Endlich, Unendlich“, jetzt heißt es „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Soll es mit den Selig-Albumnamen ewig so weitergehen?
Plewka:Wieso nicht? Viele Künstler streben Trilogien an. Wenn wir die nächste Platte wieder in Berlin aufnehmen, dann haben wir unsere eigene Berliner-Trilogie. Gefällt mir, der Gedanke.
Dieses Sehnen nach Ewigkeit irritiert mich trotzdem. Ist es nicht gerade das Wissen um die eigene Endlichkeit, das uns Menschen anspornt, Dinge zu Ende zu bringen oder überhaupt anzufangen?
Plewka: Womit wir wieder bei einer Sehnsucht wären, die Selig auch in seinen Liedern hat. Es ist das Pochen auf den Moment, das Hier und Jetzt. Das war immer schon unser Thema. Wir lieben das Leben und möchten davon erzählen. Es geht um Momente, die einfach da sind, die jegliches Zeitgefühl relativieren und die wesentlich sein müssen. Ich spreche von Augenblicken, in denen man mehr mitkriegt als man sollte, in denen sich ein größerer Zusammenhang von Ewigkeit und Universum auftut. Diese heilende Kraft der Zeit, die man als Künstler weitergeben kann, die ist sehr schön.
Mit Verlaub, jetzt klingen Sie wie ein Hippie.
Plewka: Das ist wohl wahr. Wir sind echt eine Hippie-Band. Wir sind Punk, wir sind ‘ne Rockband, wir sind ‘ne Hippie-Rockband.
Und egal ob schnelle oder langsame Songs, die psychedelische Grundstimmung dominiert auch auf der neuen Platte . . .
Plewka:. . . genau, diese Stimmung ist spirituell, wirklich! Wir sind ein Kreis von fünf Leuten, in dem jeder seine besondere Gabe und sein Talent zum Ausdruck bringt. Wenn all das zusammenkommt, ist das schon wie ein Reden mit dem Universum, mit einem größeren Zusammenhang. Diese psychedelischen Momente sind eine große Stärke von Selig.
Sie sprechen von spiritueller Stimmung, in Ihren Liedtexten kommen Engel vor. Sind Sie ein religiöser Mensch?
Plewka: Ich bin nicht religiös, auf gar keinen Fall, überhaupt gar nicht. Aber wenn Selig Geister sehen möchten, dann sehen sie auch Geister.
Text: Nikolaos Georgakis, erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung vom 28. Oktober 2010
Fotos: Universal

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