Montag, 13. Februar 2012

Interview mit Marcus Wiebusch von Kettcar


Köln. Es kommt nicht oft vor, dass ein Musiklabel zum Interview in eine Studentenbutze lädt. „Klingel bei XY, erster Stock links“, heißt es in der E-Mail. Die fünf Hamburger Jungs sind sich treu geblieben über die elf Jahre, in denen sie als Kettcar deutsche Pop-Musik in der Tradition von Bands wie den Housemartins machen. Nun ist ihre vierte Platte erschienen, die „Zwischen den Runden“ heißt. Natürlich sind gewitzt-ironische und gesellschaftskritische Songs darauf zu hören – und diesmal auffallend viele Liebeslieder. Also hat sich Nikolaos Georgakis mit dem Sänger Marcus Wiebusch über die Unaussprechlichkeit der Liebe unterhalten – und wie man sie besingt.

Marcus Wiebusch: Nun sag schon, wie hat Dir unser neues Album gefallen?

Sehr gut. Vor allem, weil Ihr damit zu überraschen wisst. Es sind ungewohnt ruppige Arrangements darauf, kein Lied scheint dem anderen zu gleichen und doch ist der typische Kettcar-Sound nicht verloren gegangen. Runde Sache. 


Freut mich. Schreib das aber auch.

Mach’ ich. Und wenn wir schon mal dabei sind: Gleich mit dem ersten Song „Rettung“ habt Ihr Euch ein starkes Stück geleistet. 

Wie meinst Du das jetzt?

Ich fühlte mich beim ersten Hören wie von einem Judoka gepackt und auf die Matte gelegt. Bei der Musik war das noch beeindruckend, aber dann kam der Text. Liebeslieder, in denen ein Mann seiner Angebeteten nach einer durchzechten Nacht das Erbrochene aus dem Haar zupft, sind wirklich selten. 

Das sind halt wir (lacht). Als wir für dieses Album zusammenkamen, haben wir uns gedacht: Alles geht. Von ganz zärtlichen Balladen bis zu voll orchestrierten Stücken, egal. Wir wollten größtmögliche Offenheit, bei der Musik und bei den Themen. Und ein großes Thema ist natürlich Liebe. Wir haben uns dieses Mal bewusst für viele Liebeslieder entschieden.Wer über die Liebe singt, singt auch über die Freiheit. Das Feld ist vermint, klar. Es gibt Millionen schwacher Songs über die Liebe. Aber Liebe und Übelkeit sind doch wirklich ein seltsames Paar. Wir haben uns selbst den Auftrag gegeben, Liebeslieder zu schreiben, die du vorher so noch nicht gehört hast. Ja, es gibt Leute, die finden den Song eklig, andere wiederum finden ihn superromantisch.

Das Lied ist auch deshalb besonders, weil ein nicht unwichtiger Aspekt der Liebe darin zum Ausdruck kommt: Sich für jemanden verantwortlich fühlen. 


Genau! Das ist ein Trick von uns: An kleinen Dingen Großes festmachen. Liebe ist mehr als das, was man empfindet. Es kommt auch darauf an, was man tut, dass man da ist, wenn es darauf ankommt. Ihr könnt ja sogar noch grotesker sein. Bei euch reimt sich „geliebt“ auf den Ortsnamen „Erkenschwick“. Erkenschwick ist ein Synonym für das kleinere, einfachere Glück. Ich glaube, dass man auch in der Provinz das gute Leben leben kann.

Du spricht da ein großes Wort gelassen aus. Das gute Leben, was soll das sein?

Oh, das weiß ich nicht. Ich fürchte, du musst dir die Frage nach dem guten Leben selber beantworten.

Ich versuche es mal anders: Wie kann man vom großen Ganzen singen, wenn man weiß, dass das Leben ein einziger Flickenteppich ist?

Indem man den Flickenteppich mitthematisiert. Wir leben in bruchstückhaften Zeiten, das stimmt. Früher war ein Maler ein Maler, Punkt. Heute ist er nebenbei noch Computerprogrammierer, liebvoller Vater, engagiert sich in irgendeinem Ehrenamt und, und, und . . . Unser Leben ist komplizierter geworden. Aber über all’ dem schweben die Grundthemen, wie etwa Tod, Freiheit, Liebe. Bei diesen Themen musst du dich fragen, was hat das mit mir zu tun, was mit den Menschen und wie kriegt man da einen Song raus?

Jeder, der frisch verliebt ist, begreift sein Glück als einzigartig. Trotzdem muss man sich mit diesem Allerweltswort Liebe begnügen. Manche verstummen du... 

...Du spielst auf unseren Song „Weil ich es niemals so oft sagen werde“ an?

Exakt!

Es geht hier tatsächlich um die Grenzen von Sprache. Durch Tausende von Kitschromanen, Millionen von Filmen und Abermillionen von Songs sind die drei Wörter Ich-liebe-dich total versaut und ruiniert worden. Der Person in unserem Song sind diese drei Worte aber heilig. Er hasst diese perfekten Momente, in denen er sie sagen könnte. Er wird mit der Sprache nicht fertig, die ihm zur Verfügung steht.

Du singst: „Wer einem alles geben kann, kann einem auch alles nehmen.“ Machen Dich Menschen traurig, die Angst vor der Liebe haben? 

Jetzt wird es schwer, Kollege (lacht). Hm . . . traurig nicht. Ich würde ihnen mit auf dem Weg geben: Habt keine Angst. Versucht alles daran zu setzen, dass ihr lieben und geliebt werden könnt. In dem Lied, das Reimer Bustorff (Bassist der Gruppe, Anm. d. Red.) geschrieben hat, heißt es ja auch: Lass uns einfach alles geben.

Tour: 24.2. Essen – Grugahalle, 4.3. Köln – E-Werk;

CD bei Grand Hotel Van Cleef

Das Interview ist in den Zeitungstiteln der WAZ-Mediengruppe am 11. Februar 2012 erschienen.

Fotos: Andreas Hornoff

Link: Homepage von Kettcar


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